30. September 2019

News

Nachruf Luigi Colani

(1928–2019)

Text: Franziska Porsch

Am 16. September 2019 starb der weltweit gleichermaßen gefeierte wie umstrittene Designer im Alter von 91 Jahren in Karlsruhe.



 

„Sei nicht so schüchtern! Komm erstmal her und hock dich hin“, waren die ersten Worte, die Luigi Colani an mich richtete. Ich schlich um seinen Messestand auf der Paperworld 2007 und verstand nicht recht, den bärtigen, Zigarre rauchenden, damals bereits alten Mann in weißem Strickpullover anzusprechen. Seine Direktheit, die kein Blatt vor den Mund nahm, machte ihn mir sympathisch, auch wenn ich bald herausfinden sollte, dass die Meinungen über ihn weit auseinandergehen. Am 16. September 2019 starb der weltweit gleichermaßen gefeierte wie geächtete Designer im Alter von 91 Jahren in Karlsruhe.

 

Zu dem Zeitpunkt der Messe wusste ich nicht mehr über Design, als dass ich es nach meinem Abitur studieren wollte. Dafür brauchte ich Vorpraktika, also besorgte mir meine Stiefmutter, die auf der Paperworld arbeitete, eine Eintrittskarte mit den Worten: „Luigi Colani ist Designer. Sprich ihn doch mal an!“. Der habe schon alles gestaltet, von Geschirr, Möbeln und Kleidung über Brillen, Unterhaltungselektronik und Sanitäreinrichtung bis hin zu Autos, Zügen und Flugzeugen. Unser dank ihm doch noch zustande gekommenes Gespräch endete mit der Aussicht auf ein Praktikum, das ich im darauffolgenden Sommer in seinem Atelier in Karlsruhe machte.

An dem riesigen Glastisch in der Nancyhalle saßen fünf Praktikanten und er. Wir modellierten in Plastilin, gossen Gipsmodelle, schliffen sie, zeichneten typischerweise auf schwarzem Tonkarton mit hellfarbigen Buntstiften und quatschten, während er es nicht unterließ, dann und wann zu dozieren, sich über aktuelles Weltgeschehen aufzuregen und seine Meinung zu diesem und jenem abzugeben. Das Gleiche passierte auch in der Werkstatt am Rande von Karlsruhe, wo 1:1-Modelle aus Glasfaser und Kunststoff entstanden, nur saßen wir dort an Gartenmöbeln. Mittags gab es belegte Semmeln oder es wurde gekocht. Trotz der Aura des großen Meisters, die er ganz offensichtlich pflegte, waren die Verhältnisse kollegial. Jeder hatte seine Aufgabe, trug zu einem Projekt oder dem Tagesgeschäft bei.

Dort machte ich mir also ein erstes Bild von dem, was Designer tun und was Design ist. Auch nach einem Designstudium und zunehmender Arbeitserfahrung, bleibt diese Zeit eine prägende Referenz für das eigene Tun sowie Luigi Colani eine Person, an der und dessen Werk es sich trotz oder gerade wegen seiner Streitbarkeit abzuarbeiten lohnt.

Es verging kein Tag, an dem er nicht produktiv war, an dem keine Zeichnung oder kein Modell aus seiner Hand hervorging. Sie waren Ausdruck seines nicht abreißen wollenden Ideenstroms und Schaffensdrangs. Eine jahrzehntelange Perfektionierung der Verbindung zwischen Hand und Hirn sprach aus jeder Linie und Fläche. Diese Beherrschung des Arbeitsmaterials und der Arbeitsmittel – also des Handwerks – beeindruckte mich, genauso wie die Tatsache, dass dieser damals knapp 80-jährige Mann sein ganzes Leben dem Gestalten von Dingen verschrieben hat. Dementsprechend schloss er auch keinen Lebensbereich aus seiner Gestaltung aus. Wer 2008 durch die Ausstellung seines Lebenswerks in der Nancyhalle in Karlsruhe ging, konnte allem Möglichen ansichtig werden. Die Bandbreite war enorm: sie reichte von handgroßen Gegenständen wie Gläsern bis hin zu einer modellhaften Vision für eine ökologischen Stadt, deren Verkehrs- und Versorgungsflüsse sich am menschlichen Organismus orientierten. Allerdings gab es nicht nur Exponate von erfolgreich in Serie gegangenen Produkten zu sehen, sondern auch zahlreiche Prototypen, Studien und Entwürfe, die nie einen Hersteller gefunden haben. Das ist sicherlich nicht nur seiner Produktivität geschuldet, sondern auch seinem exemplarischen Autorendesigner-Dasein: seine Attitüde glich eher der eines genialen Künstlers, der anerkannt und umworben werden wollte. Groß darin, über andere Designer, die deutsche Industrie und die Politik (auch oftmals die Grenzen der Political Correctness überschreitend) zu schimpfen, machte er sich vielerorts unbeliebt. Sein öffentliches Auftreten und die gleichzeitige Inszenierung seiner selbst als Marke, verstellten aber auch den Blick auf das Potenzial seines Designs. Sein Ansatz, sowohl den Menschen als auch die Natur – sei es als Vorbild oder als Ressource – in den Fokus seiner Entwürfe zu stellen, hat an Relevanz nicht verloren, ganz im Gegenteil. Sich Fragestellungen außerhalb von kommerziell verwertbaren Aufträgen anzunehmen, Zukunftsvisionen zu entwickeln, und Position zu beziehen, zeugen von einem Gestaltungswillen, den ich heute oftmals vermisse. Auch wenn Luigi Colani in mancher Hinsicht – und auch nicht zuletzt wegen seiner distinktiven Formensprache – aus der Zeit gefallen scheint, lassen sich an seinem Schaffen doch die Kraftlinien ablesen, um die sich das Design, seine Szene und Selbstreflexion ausdehnen. Diese zu hinterfragen, dafür sollte er uns auch nach seinem Tod noch genügend Anlass geben.





Shop

Nº 284
Region of Design – Germany’s East

form Design Magazine


Aws4 request&x amz signedheaders=host&x amz signature=254c70d84fb96314e74c6aad1d051ab4212c34b614fd649184a205bfb7266c86 Jetzt bestellen

Kontakt

Verlag form GmbH & Co. KG
Wildunger Straße 8
60487 Frankfurt am Main
Germany

T +49 69 153 269 430
F +49 69 153 269 431
form@form.de

Leserservice

Fragen zur Abonnementrechnung, zum Abonnementangebot oder Adressänderung?

T +49 69 153 269 438
F +49 69 153 269 439
leserservice@form.de

Newsletter

Melden Sie sich jetzt an, um an exklusiven Ticketverlosungen teilzunehmen, monatliche Neuigkeiten zum Magazin zu erhalten und über aktuelle Design-Events und -Publikationen informiert zu werden.

Anmelden

Design Magazine
Established 1957

 

 
form.de