Interview mit
Olivia Hildebrandt: Tact

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Die Vereinten Nationen verabschiedeten 2006 die Behindertenrechtskonvention, deren Grundsatz eine vollständige Inklusion aller Menschen in die Gesellschaft umfasst. Die Realität sieht jedoch so aus, dass das Bewerkstelligen von Aufgaben im Alltag – ohne die Hilfe von Anderen – etwa für Blinde und Sehbeeinträchtigte in einem Umfeld, das auf die Bedürfnisse von Sehenden ausgerichtet ist, weiterhin eine Herausforderung darstellt. Um diesen täglichen Barrieren entgegenzuwirken, entwickeln Designer Produkte und Dienstleistungen, die das Leben der entsprechenden Zielgruppe erleichtern und zu mehr Unabhängigkeit verhelfen sollen.


 

Im Rahmen ihres Studienprogramms am Royal College of Art und dem Imperial College in London hat Olivia Hildebrand das modulare Leitsystem Tact entwickelt, um Blinden, Sehschwachen und Menschen mit anderen Beeinträchtigungen die Busfahrt in der britischen Hauptstadt zu erleichtern. Angebracht an den Busstationen soll Tact den Betroffenen ein einfacheres und selbstständigeres Fortbewegen ermöglichen. Wir haben mit Olivia über ihr Projekt gesprochen. 




Wie bist Du auf die Idee gekommen, ein Leitsystem für Blinde und Sehbeeinträchtigte zu entwickeln?

 

Die Idee kam ganz selbstverständlich auf. Ich habe zum ersten Mal über das Projekt nachgedacht, als mich eine ältere Dame um Hilfe bat, den Bus zu finden, den sie für die Fahrt benötigte und der an einer überfüllten Bushaltestelle mit acht verschiedenen Bussen hielt. Sie erzählte mir, dass sie bereits eine halbe Stunde wartete und bisher niemand Zeit hatte, anzuhalten und ihr während der morgendlichen Arbeitsstoßzeit zu helfen. Weiter erklärte sie mir, dass jeder Tag ein Kampf für sie sei, sie aber weiterhin unabhängig sein möchte. Der zweite Grund, der etwas albern ist, geht auf mich selbst zurück. Seit meinem dritten Lebensjahr muss ich eine Brille tragen, ohne Brille oder Kontaktlinsen kann ich weder lesen noch Menschen erkennen. Nachdem ich mit der älteren Dame gesprochen hatte, beschloss ich meine Kontaktlinsen herauszunehmen und so selbst mit den Londoner Bussen zu fahren. Daraufhin nahm ich Kontakt zu Blindenorganisationen auf, was sich als sehr kompliziert herausstellte. Niemand wollte mir helfen, bis ich beim Royal National Institute for Blind People (RNIB) in London landete und ein netter Mann, Bill, mitbekam, wie ich zu kämpfen hatte. Er war die hilfsbereiteste Person bei meinem Projekt. Er machte mich mit seinen Freunden bekannt, die auch teilweise sehbeeinträchtigt sind und sie alle erklärten sich dazu bereit, mich bei diesem Abenteuer zu unterstützen. Um etwas über ihre täglichen Probleme zu lernen, begleitete ich sie als Gruppe aber auch einzeln. Als ich die ersten Ideen hatte, woraus dann schließlich Tact entstand, waren sie erleichtert, dass sich wirklich jemand ihrer Bedürfnisse annahm – das ist zumindest das, was sie mir erzählten. Da sie sich nicht um neue Technologien kümmern, weil sie für sie zu kompliziert sind und nicht immer funktionieren, entschied ich mich, meinen Fokus auf Einfachheit zu legen.

 

 

Worin unterscheidet sich die Entwicklung von Produkten für Sehbeeinträchtigte und Blinde von denen für Menschen mit uneingeschränktem Sehvermögen?

 

Ein Produkt für Blinde muss viele verschiedene Dinge berücksichtigen:

1. Die Form muss einfach zu greifen und die Tasten sollten leicht zu finden sein. Man muss über die Oberflächenstruktur nachdenken, wenn sich verschiedene Tasten oder Funktionen an einem Objekt befinden.

2. Es muss für alle Arten von Sehschwächen nutzbar sein, von partieller Sehbeeinträchtigung mit Tunnelblick zu peripherem Sehen und so weiter. Das wiederum erfordert Recherche, aber auch viele Prototypen zum Testen und Berühren. 

3. Die Farbe: Ich verwendete Schwarz und Gelb für Tact, da sie einen starken Farbkontrast für Sehbeeinträchtigte darstellen.

4. Einfachheit ist der Schlüssel. Ein Produkt mit vielen Optionen und Spielereien zu verkomplizieren hilft nicht.

 

 

Welche Herausforderungen und Problemen hattest Du?

 

Die größte Herausforderung war es bisher, aus allen Problemen, mit denen sich Sehbeeinträchtigte täglich auseinandersetzen, nur eines herauszunehmen. Ich habe mich für die Londoner Busse entschieden, weil es sich dabei um ein riesiges Netzwerk handelt, das von sich behauptet, uneingeschränkt zugänglich zu sein. Und ich wollte beweisen, dass das eben nicht der Fall ist. In Kontakt mit Transport for London zu treten war sehr einfach, sie jedoch davon zu überzeugen, in Tact zu investieren, war viel härter. Zudem habe ich an dem Innovation RCA Summer Incubator teilgenommen, um herauszufinden, ob mein Projekt Potenzial aufweist und ob der Markt dafür bereit ist, das war eine wunderbare Erfahrung. Leider ist mein Projekt zu riskant, da ich mich ausschließlich auf London konzentriert habe und eben nur Transport for London zu bestimmen hat, welche Projekte für das Netzwerk übernommen werden.

 

 

Arbeitest Du an weiteren Produkten dieser Art?

 

Im Moment arbeite ich an keinen neuen Produkten für Blinde. Aber ich möchte Tact verbessern, um andere Länder davon überzeugen; da Transport for London mir bereits freundlich mitgeteilt hat, dass es – wegen Kürzungen – ein schwierig umzusetzendes Projekt sei. Ich gebe jedoch nicht auf, weil ich weiß, dass es ein Projekt ist, das für den öffentlichen Personenverkehr von morgen funktionieren kann. Aber was ich brauche sind Menschen, die an mich glauben und sich freuen, mir zu helfen und zu investieren, um das Projekt Wirklichkeit werden zu lassen.

 

 

 

Tracktile, ↗ The Leaven Range


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Dossier
Inklusives Design
Jahr
2016
Disziplin
Produktdesign, Industriedesign, Interfacedesign, Transportationdesign
Ausgabe
form Nº 268 (hidden)
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Text: Marie-Kathrin Zettl