4. September 2019

News

Nachruf Gerd Bulthaup

(1944–2019)

Text: Thomas Edelmann

 In verzagten Zeiten fehlt einer wie er besonders: Der Unternehmer und „Küchen-Revolutionär“ Gerd Bulthaup verstarb am 1. August 2019.



 

Wie formt man Umwelt? Wie richtet man Rahmenbedingungen so ein, dass sie einen sinnvollen Bezug zur Realität und deren permanenter Veränderung bilden? Und nicht zuletzt, was ist zu tun, damit die gewählte Tätigkeit das eigene Leben wie auch das vieler anderer bereichert?

Bevor der am 1. August gestorbene Gerd Bulthaup die Geschäftsführung des väterlichen Familienunternehmens übernahm, hatte er andere Pläne für sich und sein Leben. Mit Mitte 30 war er ein Suchender und blieb es. In Erinnerung bleibt seine stets jungenhaft-jugendliche Erscheinung. Neugier trieb ihn um. Stets beharrte er auf einem rigorosen Verständnis von Qualität. 1949, im Jahr Null der Bundesrepublik, hatte sein Vater Martin in Herford eine Möbelfirma gegründet. Bald darauf verlagerte er sie nach Niederbayern, da er dort qualifizierte Handwerker fand. Ein Buffet mit geschwungenen und furnierten Fronten im Stil der Nachkriegszeit war Martin Bulthaups erster Gegenstand der Kücheneinrichtung (streamline und Nierenstil).

Kinder von Unternehmern, die als Nachfolger ausersehen sind, haben es leicht und schwer zugleich. Leicht, wegen ihrer guten Startbedingungen, schwer, da sie zuvor geschaffene Fakten und Regeln kennen müssen, um sie mit eigenen Standpunkten zu überwinden. Wenigen ist dies so gut gelungen wie Gerd Bulthaup. Für ihn und seine Generation gilt Goethes Faust-Monolog, in Festtagsreden oftmals zitiert, in neuer und besonderer Weise: „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen“. So verzichtete er auf eigene Pläne, Architektur zu studieren, womöglich gar an der Hochschule für Gestaltung in Ulm, die damals bei Eingeweihten längst bekannt war.

Dem erkrankten Vater zuliebe studierte er Betriebswirtschaft. Als er das väterliche Unternehmen 1978 zusammen mit seiner Schwester Ingeborg erbte, war er längst in viele Entwicklungen einbezogen. Das Unternehmen fertigte bereits Anbaumöbel für die Küche, hatte ein Potenzial, war aber deutlich kleiner als die auf Masse abzielenden Marken. Den Schritt hin zum weltweit anerkannten Unternehmer der Branche, zum visionären Taktgeber, hatte Bulthaup noch vor sich. Damals gab es nicht die Konzerne der Unternehmensberatung heutiger Tage, die gleichsam nebenbei auch Design offerieren. Bei seinem früh formulierten Anspruch, „schlichtweg die besten Küchen zu machen“ und sich dabei „nicht an Vorhandenem“ zu orientieren, sondern „Neues von Nutzen“ zu erfinden, einen „Lebensraum für Begegnung und Kommunikation“, hätten sie für Gerd Bulthaup ohnehin keine Hilfe bedeutet. Ulmer Design-Absolventen, Franco Clivio und Dieter Raffler, waren an der Entwicklung der 1969 vorgestellten Küche „Stil 75“ beteiligt. 1970 präsentierte die form deren visionären Entwurf „typ 1“, eine Küche inspiriert vom Zeitgeist aus Weltraumfahrt, Systemdesign und Wegwerfkultur als „extremsten, aber realistischsten Vorschlag auf dem Weg zur arbeitsfreien Küche.“ Mit ganz-, später doppelseitigen Anzeigen warb Bulthaup in der form für Produkte aus Zukunft und Gegenwart.

Einen Aufsichtsrat gibt es sonst nur in Aktiengesellschaften, nicht aber in Familienunternehmen. Gerd Bulthaup gründete ihn dennoch und berief erfahrene Mittelständler wie den kürzlich verstorbenen Klaus Jürgen Maack, der mit Hilfe von Otl Aicher sein Unternehmen Erco gestalterisch wie inhaltlich neu ausgerichtet hatte. Maack stellte den Kontakt zu Aicher her, der im Austausch mit Gerd Bulthaup ein neues Erscheinungsbild entwickelte, mit einem typografischen Schriftzug als Logo. Doch Aicher war stets auch Kritiker seiner Auftraggeber, ermunterte sie, sich und ihr Umfeld auszukundschaften und in der Folge klarer zu denken und zu handeln. Er half ihnen den Archimedischen Punkt zu finden, vom dem aus alles aus den Angeln zu heben und neu zu fundieren war. Das bedeutete für Aicher gründliche Analyse und größtmöglichen Eingriff. Ihn beschäftigen nicht Küchen im Sinne eines Produktes, sondern Zubereiten und Essen als kommunikativer Akt. An seinem Standort Rotis im Allgäu spielten Kräutergarten, Obstanbau, Zubereitung und gemeinsames Essen eine maßgebliche Rolle. Bulthaup beauftragte eine Studie über den Wandel des Kochens bei ihm, es entstand das Buch „Die Küche zum Kochen“, das 1982 mit dem Untertitel „Das Ende einer Architekturdoktrin“ erschien. Moderne und Rationalisierung hatten den Küchenraum vom Wohnen abgesondert und zu einem Maschinenraum technisiert. Im Zuge der Entwicklung des Neuen Bauens der 1920er Jahre wurde die „Frankfurter Küche“ zum minimalistisch-rationalen Vorbild, im Grundriss der Nachkriegsarchitektur geronn sie zur Zelle, in die die Hausfrau verbannt wurde, die zugleich durch von Männern gestaltete Technik von Hausarbeit „entlastet“ werden sollte. So festigte die Architekturdoktrin zugleich das Rollenverständnis von Mann und Frau in der Nachkriegsgesellschaft. Aicher setzte dem, die ebenfalls in den 1920er Jahren entstandene „Münchner Küche“ entgegen, die Abläufe rationalisierte, sich aber auch als Kommunikationsraum verstand. Es ging darum, nicht mehr „gegen die Wand zu kochen“, sondern „frei, gemeinschaftlich, im Dialog“ und mitten im Raum. Aichers „Butcher Block“ und die 1988 vorgestellte „Küchenwerkbank“ waren erste Meilensteine der Neuorientierung von Bulthaup.

Seine Aufgabe als Designer sei es, stellte Aicher 1991 kurz vor seinem Tod fest, in Unternehmen eine „Denk- und Fragekultur“ zu etablieren, im Fall der Küche verband er sie mit seiner pragmatischen Philosophie des Machens und Entwerfens. Für Gerd Bulthaup, der die Tragweite dieser Fragekultur begriff, wurde Aicher zu einer Vaterfigur. So schufen beide nicht etwa eine neue Doktrin, sondern eine Haltung, die zur Basis der Marke Bulthaup wurde. „Der Entwurf ist das Erzeugen von Welt“, schrieb Aicher. Und das gilt fürs Kochen wie für das Führen eines dynamischen Unternehmens. Der Begriff Design schien Gerd Bulthaup bald nicht mehr tauglich, um die Weiterentwicklung seiner Produkte und der Marke zu charakterisieren. „Design macht jeder“, stellte er 2008 im Gespräch mit der Journalistin Anne Urbauer fest. „Es geht um Architektur, Funktion, Ordnung, Zeitlosigkeit und die Qualität einer Manufaktur.“ Zuvor hatte Gestalter Rolf Heide ein architektonisches Umfeld für die Marke geschaffen, das Fotograf Rudi Schmutz in Bilder fasste. Herbert Schultes ist bis heute gestaltend und beratend für Bulthaup tätig. Wenn Gerd Bulthaup, der 2003 in den selbstgeschaffenen Aufsichtsrat wechselte, mit seinem Neffen Marc O. Eckert einen würdigen Nachfolger fand und 2014 vom Rat für Formgebung für sein Lebenswerk geehrt wurde, heute „Küchen-Revolutionär“ genannt wird, dann verweist dies auf Zeitläufte, in denen Wandel Zuversicht entstehen ließ. In verzagten Zeiten fehlt einer wie Gerd Bulthaup besonders.

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