Drei Fragen an:
Adam Harvey

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Mit modernster Technik können wir mittlerweile auf Schritt und Tritt beobachtet und überwacht werden. Was mit den Daten geschieht, die wir – häufig unfreiwillig und unwissend – preisgeben, ist kaum zu überblicken. Der New Yorker Designer Adam Harvey entwirft Produkte, die den Träger durch gezielte „Sabotage“ vor der Datenerfassung schützen: Die Modekollektion Stealth Wear reduziert durch die Verwendung von isolierendem Spezialstoff die Erfassbarkeit durch Wärmebildkameras, das Off-Pocket unterbricht alle ein- und ausgehende Signale von Smartphones, CV Dazzle stört mit Haar- und Makeup Elementen die Gesichtserkennung und die Anti-Paparazzi- Handtasche Camoflash reflektiert Blitzlicht so stark, dass alle Fotos unbrauchbar werden. Wir haben mit ihm über seine Arbeit gesprochen.




1. Überwachung und Datenschutz sind die Grundlage aller deiner Projekte. Wieso ist Dir dieses Thema so wichtig?

 

Überwachung ist der Aussichtspunkt der Macht. Wenn wir von Überwachung und Privatsphäre sprechen, geht es immer auch um Macht und Machtverteilung. Privatsphäre interessiert mich, weil es sich dabei um eine universelle Form der (persönlichen) Stärkung handelt. Jeder möchte seine Privatsphäre erhalten, hat ein Recht auf sie und ist ohne sie klar im Nachteil. Ich befürchte, dass wir uns gerade selbst eine Welt erschaffen, in der das Bewahren der Privatsphäre immer schwieriger wird. Der technische Fortschritt hat die automatisierte und vernetzte Überwachung einfach und erschwinglich gemacht. Im Durchschnitt werden die Kosten für die Überwachung einer Person pro Tag auf 13 US-Cent (Smári McCarthy) bzw. 19 US-Cent (Julian Assange) geschätzt. Der Forscher Anders Sandberg von der Universität Oxford prognostiziert, dass zu diesem Preis die totale Überwachung (Rund-um-die-Uhr-Kontrolle der gesamten Bevölkerung) unvermeidbar und finanzierbar wird.

 

Es ist wichtig, sich dieser Zukunftsaussicht bewusst zu sein, um sich darauf vorbereiten zu können. Ich sehe die Privatsphäre als eine Frage der Cleverness. Wenn Menschen behaupten, die Privatsphäre sei tot, sind sie meiner Meinung nach schon selbst innerlich gestorben. Sie ist nicht tot, sondern vielmehr die Naivität. Zu wissen, dass die eigenen Daten von anderen benutzt werden, wer uns beobachtet und in der Lage zu sein, sich davor zu schützen, das ist clever. So etwas wird man natürlich nicht von Facebook oder Google zu hören bekommen, da dort ökonomische Interessen bestehen, unser Verständnis von Privatsphäre neu zu definieren und uns alle Problematiken ignorieren zu lassen. Die Aussage meiner Arbeit ist folgende: Wenn du weißt, in welcher Art und Weise deine Daten verwendet werden, wie deine Privatsphäre verletzt und Überwachung eingesetzt wird, dann kannst du dich darauf einstellen. Menschen sind sehr gut darin, sich an veränderte Gegebenheiten anzupassen – und die Anpassung an diese neue Massenüberwachung wird eine Weile dauern.




2. Glaubst Du an eine Zukunft, in der es üblich ist, sich durch Produkte wie Stealth Wear aktiv vor Überwachung zu schützen? Oder muss sich nicht viel mehr langfristig etwas an dem System dahinter ändern? Wie wird es Deiner Meinung nach weitergehen?

 

Ich glaube, wir steuern auf eine Zukunft zu, in der es völlig normal sein wird, sich gegen Überwachung zu schützen. Stealth Wear ist eine Speziallösung für eine ganz bestimmte Art der Überwachung: die durch Wärmebildsensoren. CV Dazzle ist ebenfalls sehr spezialisiert. Aber ein Produkt zum Schutz der Privatsphäre wie das Off Pocket ist bereits in Benutzung und ein Bestseller im Privacy Gift Shop. Natürlich wären Gesetzesänderungen hilfreicher. Aber ich bin überzeugt, dass wir einen Markt für Privatsphäre-Technologie wie verschlüsselte Kommunikation oder faradaysche Handyhüllen brauchen, um diese Gesetzesänderungen zu beschleunigen.




3. Woran arbeitest Du aktuell? Wie sehen Deine Zukunftspläne aus?

 

Im Moment arbeite ich an einem Projekt namens Surveillance Trend Report. Dabei handelt es sich um eine Prognosebericht über neue Überwachungssysteme mit empfohlenen Gegenmaßnahmen, Kunstprojekten und Produkten zur Verbesserung der Privatsphäre. Ich arbeite auch an neuen Modeaccessoirs für den Privacy Gift Shop. Ich hoffe, beides diesen Herbst auf den Markt zu bringen.













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Dossier
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Jahr
2014
Disziplin
Produktdesign, Modedesign
Ausgabe
form 255
Links
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Mehr zum Schwerpunktthema Krieg finden Sie inform 255Die Ausgabe kann online über unseren Shop bestellt werden.

Text: Susanne Heinlein