60 Years of form
1997: Frust im Netz – Design Beyond Beauty

Text: Ingrid Limmer

Nº 160

1997

S. 36–37

Eine Studie aus Ohio belegt: Zwischen den Absichten der Web-Designer und den Erfahrungen der Web-Nutzer besteht eine große Diskrepanz. Ingrid Limmer über Internet-Auftritte und Navigationsprobleme.

 

Der Slogan ist populär: „Make your own Web site in just one day.“ Ein großes Versprechen, das neugierig macht. Kein Wunder, denn mittlerweile gilt die Homepage als Visitenkarte. Für viele gar ist die Web Site beinahe so essentiell wie das Dach über dem Kopf. Unglücklicherweise vergißt manch ein Designer, daß bestimmte Grundlagen der Gestaltung auch im Bereich der Neuen Medien ihre Berechtigung haben.

Und doch: Das Web-Design läßt sich nicht so ohne weiteres mit der Gestaltung herkömmlicher Drucksachen vergleichen. Der Benutzer des üblichen 15 bis 21-Zoll-Monitors sieht immer nur einen Teil der Page. Er muß scrollen und klicken, um mehr Informationen zu erhalten. Die Web Site gleicht einem Schlüsselloch: Vieles bleibt im verborgenen, vor allem wenn Hypertext-Links nicht deutlich markiert sind.

Und so bedarf es neuer Konventionen. Denn allenthalben fehlt es an Übung und Vertrautheit im Umgang mit dem Internet – und das gilt für Benutzer und Designer gleichermaßen. Die Folge: Wir sind häufig frustriert beim Surfen.

Wie aber läßt sich die Interaktion verbessern? Und wie kann man das Navigieren auf der Web Site erleichtern? Dies war der Ausgangspunkt einer Untersuchung am Department of Industrial, Interior and Visual Communication Design der Ohio State University. Titel der Studie: Absichten der Designer kontra Interpretationen der Benutzer von Web-Seiten – eine semantische Recherche. Es war das Ziel, jene Fehler aufzuzeigen, die einer effizienten Kommunikation im Netz im Wege stehen.

Kommerzielle Web-Auftritte von drei namhaften amerikanischen Design-Firmen wurden mit Hilfe von zehn Benutzern nach ihren unterschiedlichen stilistischen Merkmalen in einem partizipierenden Evaluierungsprozeß analysiert: die Web Sites von Fitch, Point-Click und Little Design standen zur Debatte und wurden mit Hilfe eines ausgeklügelten Verfahrens untersucht.

In verschiedenen Sitzungen erprobten Testpersonen eine Vielzahl investigativer Forschungstechniken. Ein „Tool-Kit“ diente zur Bewertung der Web-Seiten; es enthielt: 50 Bilder, 60 Wörter, farbige Marker, verschiedene Papiere, Scheren, Klebstoff sowie 50 x 60 cm große Illustrationskartons. Mit Hilfe dieses Materials sollte ein breites Spektrum mit positiven, negativen und neutralen Assoziationen gedeckt werden. Es galt, ein unerwünschtes Beeinflussen des Resultates auszuschließen.



 

Warum nicht spielend einfach?

Alle Teilnehmer konnten so lange browsen, wie sie es für nötig hielten. Schließlich drückten sie ihre Meinungen in Form einer Collage mit Hilfe des Tool-Kits aus. Dem Erstellen der Collagen folgte ein Verbal Protocol.

Zusätzlich fand ein strukturiertes Interview statt, und ferner waren zahlreiche Diskussionen zu führen und Fragebögen zu beantworten – so weit das Procedere.

Die hier skizzierte Methodik basiert auf der Image Collaging Methode, die mittlerweile routiniert in der Produktforschung und bei Interface-Design genutzt wird. Doch die Anwendung der Collaging Methode für die Analyse von Internet Auftritten ist ein Novum.

Ein grundsätzlicher Vorteil dieser Methodik: Alle Testpersonen können – durch das Tool-Kit inspiriert – ihre Gedanken spielerisch und ohne Zögern oder Einschränkungen ausdrücken. Die Collage-Technik soll es ermöglichen, vor allem jene nicht prognostizierbaren Aussagen und Feststellungen zu Tage zu fördern, die Forscher üblicherweise gar nicht in Betracht ziehen.

Und das Resultat? Die Studie offenbarte, daß eine große Kluft zwischen den Erfahrungen der Benutzer und den Absichten der Designer besteht.

Im Netz kommt es auf eine ansprechende Darstellung an, darin waren sich die zehn Testpersonen einig: Es sei hilfreich, so der Tenor, Information in einer möglichst spielerischen, freundlichen und einladenden Darstellung zu offerieren. Weder trickreiche, allein nach Aufmerksamkeit schielende visuelle Experimente, noch die neuesten technischen Besonderheiten wurden akzeptiert – ebensowenig wie langweilige, lineare Strukturen.

Benutzer wollen in eine – im Wortsinn – interaktive, frische, dennoch einfache und unkomplizierte Seite eintauchen und möglichst vergessen, daß sie einen Computer benutzen.

Die Studie zeigt die Bedeutung von Interface-Design: Hier werden die Weichen für eine Akzeptanz gestellt.

Die Beurteilung der Web-Site des Büros Fitch Inc. mit Hauptsitz in Worthington, Ohio machte dies deutlich. Die Fitch-Gestalter, so die übereinstimmende Meinung, hätten bewiesen, daß sie kognitiven Aspekten der Gestaltung Rechnung tragen können.

Noch ist der Web-Auftritt dieses Unternehmens eine Ausnahme. Offensichtlich sind sich die meisten Designer über die Prämissen interaktiver Gestaltung nicht im klaren. Dies zumindest hat der Versuch in Ohio deutlich gemacht. Testpersonen erklärten, daß sie einige Seiten sofort nach einem ersten, kurzen Blick auf die Homepage wieder verlassen hätten, wenn sie nicht in einer Testsituation, sondern am heimischen PC gewesen wären. In Realität könnte dies den Verlust eines potentiellen Klienten bedeuten. Und damit wird die Bedeutung einer vernünftig gestalteten Web Site wohl klar.

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