60 Years of form
1990:

Design in Europa –
Nichts Neues im Westen?

Text: Frank Sander

Nº 131
1990
S. 8

Reflexion von Frank Sander, Präsidiumsmitglied im Verband Deutscher Industrie-Designer.
Der deutsche Designer und der Gemeinsame Europäische Markt

 

Der kulturelle Aspekt – die „Münchner Design Charta“

In dem vom Rat für Formgebung, Frankfurt, dem Design Zentrum München und der „General Direktion 13“ der EG-Kommission veranstalteten Symposium „Casa Europaea“ entstand die „Münchner Design Charta“, die die Bedeutung des europäischen Designs sehr deutlich faßt: „Angesichts der großen politischen und kulturellen Veränderungen, deren Zeugen wir heute sind, müssen diejenigen von uns, die in Design involviert sind, eine neue Form des Denkens und des Gestaltens erarbeiten, und wir müssen eine neue ethische Basis für die Planung eines vereinten und erweiterten Europa schaffen.“

 

Gewiß will auch der einzelne Designer “die historische Rolle, die das Design schon bisher bei den wichtigsten gesellschaftlichen Entscheidungen und bei der Verbesserung von Entwicklungsmodellen moderner Gesellschaften gespielt hat, für die Zukunft bekräftigen“ (Zitatauszug aus der Präambel der Münchner Design Charta). Leider erhält der Designer für seine tägliche Arbeit, die in eine europäische Dimension hineinwachsen soll, durch diesen Anspruch keine wesentliche Hilfestellung. Angesichts der existentiellen Herausforderung durch den Gemeinsamen Markt erscheint für ihn die Frage nach dem Inhalt des Designs sekundär – trotz der unbestreitbaren Tragweite dieser Frage.

Auch die Frage nach der regionalen, nationalen, europäischen oder globalen Zielrichtung der Designarbeit stellt sich nur indirekt für den Designer. Stehen dem Designer wirklich so klare Optionen offen? Die Ausprägung des Designs erfolgt im Rahmen eines Zivilisationsprozesses, der von den unterschiedlichsten Wirkungskräften geformt wird. Die direkte Einflußnahme ist dem Designer deshalb nur selten gegeben. Er selbst ist vom Lebensraum, in dem er sich befindet, von seinem Charakter und seiner Ausbildung, von der Bedeutung und Größe seines Auftraggebers und von dessen Marketing abhängig. Wichtig ist, sich Klarheit zu verschaffen über die Ursachen der einen oder anderen Entwicklung und deren Auswirkung. So ist zum Beispiel die rege Konferenz- und Seminartätigkeit zum Verlust der kulturellen Identität ein Notsignal, das zu einer Standortbestimmung herausfordert.

Der wirtschaftliche Aspekt – „Einzelkämpfer“ und Superfirmen

Der Gemeinsame Europäische Markt! Primär wird er als wirtschaftliche Herausforderung verstanden. Besonders aktuell sind Vortrags-, Seminar-, Symposien-, Schulungsaktivitäten für die Klein-und Mittelindustrie vor dem Hintergrund der Zusammenschlüsse von Großunternehmen, die sich ihre europäischen Muskeln aufbauen.

Doch in der Design-Szene hört man nicht viel von der Vorbereitung auf Europa. Business as usual? Der VDID versucht mit Informationen und Projekten (z. B. die Studie zur „Harmonisierung des Designschutzes in der EG“ oder der geplante Workshop zu Europa) das Interesse seiner Mitglieder für die wirtschaftliche Bedeutung des europäischen Binnenmarktes zu wecken. Auch das Thema der kommenden VDID-Mitgliederversammlung ist z. T. Europa gewidmet. Doch die Mehrheit der Designer beobachtet nur – teils mit Bewunderung, teils mit Besorgnis – die zunehmenden Aktivitäten ausländischer Kollegen in Deutschland, die sich besonders in den konzertierten Präsentationen auf deutschen Messen dokumentieren. Nicht unerheblich werden diese Kollegen von ihren Ländern unterstützt. Daß unsere Nachbarn Designdienstleistungen auch als Exportartikel verstehen, zeigen ähnliche Aktivitäten auf Messen in Nachbarländern – sind dort deutsche Designer vertreten? Verzichtet man auf eine Präsenz, weil das deutsche Geschäft so gut läuft? Oder sind ausländische Märkte zu kompliziert, oder geben sie nichts her? Kann es aber auch sein, daß das durchschnittliche deutsche Designbüro zu klein ist, um international überhaupt aktiv zu werden?

Für große, bekannte Büros sind internationale Aktivitäten eher eine Frage der Kalkulation und des Risikos und kein Akquisitionsproblem. Es wird auch viel spekuliert, inwieweit das englische Großbüro mit einem Full-Service an Kreativleistungen auch für Deutschland als Modell Geltung hat. Sicher werden diese Superfirmen ihre Marktposition stärken; ob es ihnen auch auf dem Sektor des Industrie-Designs gelingt, wird wohl erst die Zeit entscheiden.

Der Berufsstand der Industrie-Designer ist zu klein, um als gewichtiger wirtschaftlicher Faktor Gehör zu finden bei Behörden und Institutionen der Wirtschafts- und Exportförderung.

Dies ist wohl auch der Grund, weshalb Forschungsinstitute und die Forschung an der Hochschule sich kaum mit Zukunftsentwicklungen des Design-Dienstleistungsbereiches beschäftigen. Hier muß intensiv aufgearbeitet werden. Deshalb sollte Designförderung auch Ausschreibung und Finanzierung von Forschungsvorhaben sowohl zu Entwicklungstrends als auch zu praxisbezogenen Fragen des Berufsstandes der Designer einschließen. Wer sonst als die Institutionen der Designförderung könnten Vorhaben dieser Art unterstützen? Die Studiengänge des ID sind mit wenigen Ausnahmen nicht forschungsorientiert. Außerdem geht es primär um Probleme der Wirtschaftsentwicklung, der Industrieentwicklung, um soziologische Veränderungsprozesse mit entsprechenden Auswirkungen auf die Arbeit des Designers, die von entsprechenden Fachleuten bearbeitet werden müßten.

 

Neue Organisationsformen braucht der Designmarkt

Der europäische Designmarkt verlangt zunehmend überdurchschnittliche Professionalität. Die Aufgaben werden komplexer, die Risiken höher. Mit gutem Design allein sind viele Aufgaben nicht zu lösen. Projektplanung, Management, solide betriebswirtschaftliche Basis, ein vielseitiges Team von Fachleuten sind Herausforderungen. Wie ist der Schritt in diese neue Dimension zu vollziehen?

Denkansätze, aber auch vereinzelte Versuche gibt es schon, um Ressourcen zu bündeln: so z. B. Bürogemeinschaften einzelner Freiberufler, Verbindungen mit Ingenieur- und Entwicklungsbüros, verstärkte Integration in Technologieparks. Doch auch neuartige Ideen gibt es, etwa eine „Internationale Designagentur“, wie sie der Präsident des belgischen Designerverbandes im Auge hat: Komplexe Aufträge sollen in einem internationalen Team gelöst werden, das je nach Art der Aufträge neu zusammengestellt wird. Oder der Vorstoß eines deutschen Designbüros in Richtung Euro-AG. Bei diesen Modellen sollten Evaluierungen und Forschung ansetzen. Es gilt, diese Ideen auf ihre Praktikabilität besonders unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu überprüfen, die Modelle zu optimieren oder entsprechende Alternativmodelle zu entwickeln. Doch auch dem Einzelkämpfer bieten sich Chancen. Es gibt Marktnischen, die für große Büros uninteressant sind. Eine systematische Erfassung und schrittweise Erschließung dieser Nischen wird eine Frage des Überlebens sein.

Länderübergreifende, aber auf die nahe Grenzregion beschränkte Designaktivitäten stellen eine weitere Chance dar, die bereits von Förderinstitutionen und einigen Designbüros ergriffen wurde. Die EG-Kommission fördert diese Vorhaben der „transnationalen Zusammenarbeit“. Das CENTRE DESIGN ESTFRANCE hat kürzlich Industrie-Designer der Großregion Saar-Lorraine-Luxemburg-Trier-Westpfalz zu einem ersten Gedankenaustausch eingeladen. Es wurden Möglichkeiten diskutiert, wie die EG-Hilfe genutzt werden könnte. In Südfrankreich kooperiert das CENTRE MIDI in einigen Design-Bereichen mit Partnern in Nordspanien.

Besonders interessant scheint ein Modell zu sein, das in Holland von der Akademie für Industrielle Formgebung in Eindhoven konzipiert wurde: THE EUROPEAN DESIGN CENTRE. Diese Organisation versteht sich als Drehscheibe für alle Berufe, die an der Entwicklung, Gestaltung, Produktion und dem Verkauf bzw. Kauf von Qualitätsprodukten beteiligt sind. Einen permanenten „Trade Mart“ für Handel und Produzenten und ein „Shopping Centre“ für die Endverbraucher stellt das kommerzielle Rückgrat des Unternehmens dar. Hohe gestalterische Maßstäbe sollen für die Auswahl der Aussteller und ihrer Produkte angelegt werden. Das Design Promotion Centre will mit einem Newsletter, einem hochwertigen Designmagazin, mit wechselnden Designausstellungen, mit Treffen und Konferenzen und mit Designpreisen die Mittlerrolle zwischen Design, Handel und Industrie übernehmen.

Und schließlich soll das „Centre of Competence“ mit vier Service-Abteilungen ein breites Spektrum an direkter Hilfe bieten: Das Informationszentrum mit Pools über neue Materialien, Technologien, Farben und Oberflächen und ein weltumfassendes Designerregister. Das Ausbildungszentrum mit Angeboten von fachspezifischen Vertiefungs- und verschiedenen Fortbildungsangeboten. Das Angebot soll international sein sowie die Zusammensetzung der Dozentenschaft. Die Abteilung für Forschung und Entwicklung soll Projekte der Industrie und der Ausbildungsinstitute ausführen. Man versteht sich als Teil eines internationalen Netzwerkes. Und das CAD Centre soll über die neuesten CAD-Entwicklungen informieren und Schulungs- und Forschungsaufgaben übernehmen.

Diese Beispiele zeigen, daß unsere Nachbarn wegen der oftmals ungünstigeren wirtschaftlichen Ausgangsposition aktiv die Situation auf dem Designmarkt zu ihren Gunsten formen. Wie lange kann sich der deutsche Designer der Herausforderung eines europäischen Marktes verschließen?