60 Years of form
1969:

Design-Ideologien (3)

Text: Gerda Müller-Krauspe

Nº 48
1969
S. 9–13

Industrial Design morgen – Alternativen. Zum Standort des Industrial Design – Tendenzen und Prognosen.

Unter diesem Leitthema stehen drei Beiträge, in denen der Versuch einer kritischen Auseinandersetzung mit verschiedenen Gestaltungsauffassungen unternommen wird. 

Während in den beiden vorangegangenen der Funktionalismus und seine Abgrenzung zum Konstruktivismus sowie das Styling und seine ideologische Rechtfertigung behandelt wurden, sollen im vorliegenden dritten und letzten Beitrag dieser Folge tendenzielle Gestaltungsauffassungen gezeigt werden, die möglichen gesellschaftlichen Entwicklungen Rechnung tragen. 

 

Vorbemerkung

Wenn wir mehr oder minder vereinfachend den klassischen Funktionalismus als die Gestaltungsauffassung von gestern, den erweiterten Funktionalismus und das Styling als diejenigen von heute bezeichnen, so stellt sich nunmehr die Frage nach den Gestaltungsauffassungen von morgen. Der Versuch, den Standort des Industrial Design von morgen zu fixieren, macht eine Auseinandersetzung mit den sich bereits abzeichnenden Gestaltungstendenzen unumgänglich, auch mit jenen, die teilweise recht obskur anmuten. Ein solcher Versuch bedingt zugleich eine Reflexion über mögliche oder wahrscheinliche gesellschaftliche Entwicklungen innerhalb der nächsten Dezennien. Sich ins Bewußtsein zu rücken, welche gesellschaftlichen Veränderungen uns bevorstehen, erscheint in diesem Zusammenhang außerordentlich wichtig. Es würde allerdings den Rahmen dieses Beitrags überschreiten, wollte man über die Voraussagen verschiedener Futurologen ausführlich referieren. Da überdies viele dieser Prognosen als allgemein bekannt vorausgesetzt werden können, dürfte es hinreichen, nur gelegentlich das eine oder andere Ergebnis dieser jungen Wissenschaft zu zitieren.

Vorbemerkt sei auch, daß die Frage nach dem Industrial Design morgen eng mit den Mitteln und Methoden verknüpft ist, die dem Designer in Zukunft zur Verfügung stehen werden beziehungsweise die er beherrschen muß, – ein für die Aus- und Weiterbildung brennendes Problem. Da es in dieser Beitragsfolge jedoch um Gestaltungsauffassungen, um Inhalte und Ziele des Industrial Design geht, soll das Thema des künftig erforderlichen Rüstzeugs hier nicht näher behandelt werden.

 

 

Antifunktionalismus ...

Der Titel dieses Aufsatzes deutet an, daß zumindest zwei, wenn nicht mehrere Gestaltungsauffassungen für das Industrial Design von morgen aufgezeigt werden können.

Auf die Gefahr hin abermals den Unwillen vieler form-Leser zu erregen, sei hier zunächst die Design-Auffassung von Werner Nehls [1: Werner Nehls, Revolution im Design? Ein Gespräch mit Werner Nehls, in: form 43.] angeführt, die radikal mit allen bisherigen rational-funktionalistischen Theorien bricht. Angesichts der außerordentlich provozierenden Nehlsschen Thesen ist die Ablehnung, auf die sie stießen und wie sie beispielsweise aus den Leserzuschriften in form 44 ersichtlich wurde, nur allzu verständlich. Die recht naive Diagnose, der Funktionalismus habe gleichermaßen an einer inhumanen Umweltgestaltung und der Entstehung von Neurosen wie an der mangelhaften Bildung der Massen schuld, mußte nachgerade Empörung auslösen. Auch erscheint die Therapie, mit der Werner Nehls die neurotischen Ausfallerscheinungen seiner Zeitgenossen zu heilen gedenkt, mehr als fragwürdig. Und was schließlich die von ihm angekündigte Revolution im Design betrifft, deren Programm er unter anderem mit den Schlagworten Emotionalismus, Irrationalismus und Remystifikation umreißt, so läßt sich schwer ausmachen, ob er sie im Zusammenhang mit einer neuen Gesellschaftsordnung sieht oder nicht. Auf die Frage nach der Beschaffenheit eines neuen Gesellschaftsmodells, das doch die Voraussetzung für eine revolutionäre Bewegung sein sollte, läßt er sich einfach nicht ein, obwohl er je nach Gusto sowohl den „marxistisch-materialistischen Rationalismus“, den Sozialismus als auch den Kapitalismus in seinen verschiedenen Prägungen als Nährboden einer „verbrecherischen Sachlichkeit“ anprangert. Freilich, bei jemandem, der für einen Irrationalismus plädiert, ist es unangebracht, eindeutige Festlegungen und gedankliche Schärfe zu erwarten.

 

Nun, die Vorstellungen von Werner Nehls sind hinreichend publiziert; eine Wiedergabe im einzelnen erübrigt sich. Seine Gedanken mögen den einen erheitern, dem anderen als Alptraum erscheinen, ein dritter mag ihnen zustimmen. Darüber zu lachen oder sie einfach zu ignorieren hieße indessen, es sich allzu einfach zu machen. In Nehls einen einzelgängerischen Spinner zu sehen, mag naheliegen, ist jedoch nur teilweise zutreffend. Zum einen steht er mit seiner Forderung nach „Seelenankerplätzen“, nach Ornamentierung und seiner Proklamation „Kunst ist Leben“ und „Leben ist Spiel“ gar nicht so allein, zum anderen bieten einige wissenschaftliche Prognosen seinen Vorstellungen gleichsam Schützenhilfe, wie noch zu zeigen sein wird.

 

Und in einem zumindest ist Nehls unbedingt recht zu geben: nicht nur die Farbe, auch das Ornament oder das Dekor ist allenthalben im Vormarsch. Das Ornament noch immer als Verbrechen oder zumindest als ungehörig verdammen zu wollen, heißt vor der bereits eingetretenen Entwicklung die Augen zu schließen.

 

Bedenken freilich sind anzumelden, wenn der „Produktionsapparat der Überflußgesellschaft“, wie Abraham Moles [2: Abraham Moles, Die Krise des Funktionalismus, in: form 41.] es formuliert, „ein System von Neokitsch schafft, in dem Gegenstände bei den Menschen angehäuft werden“. Einem solchen System leistet Nehls eingestandenermaßen Vorschub, wie er denn überhaupt für einen extensiven Hedonismus eintritt. Damit wird deutlich, daß er dem Spätkapitalismus verhaftet ist und daß seine Revolution eigentlich eine Restauration bedeutet, weil sie – zumindest teilweise – nichts anderes als die Fortsetzung des Styling mit anderen Mitteln ist.

 

... und ein Schritt weiter

Plädiert Nehls für eine „unendliche Intensio“ außerhalb der Arbeitswelt, die ihrerseits irrationaler Gestaltung naturgemäß nur bedingt zugänglich ist, offeriert er Geborgenheit in üppig dekorierten Labyrinthen, die wiederum zu einer neuen Sehweise verhelfen sollen, so gehen die Wiener Progressiven (siehe form 47) bereits einen Schritt weiter und sogar tiefer. Während Nehls noch primär eine neue Innenraum-Gestaltung vorschwebt, die er offenbar unter anderem teils durch Häufung von Hirtenteppichen teils durch weniger konventionelle Mittel erreichen will, sind die Wiener Gruppen bereits zum Inner-Space und zu psychedelic spaces vorgedrungen, wobei das Wort space weit mehr als seine ursprüngliche Bedeutung „Raum“ beinhaltet. Es steht hier für eine spezielle Erlebniswelt. Und während Nehls bislang keinerlei konkrete Entwürfe seiner Visionen vorgelegt hat, läßt die Bau Cooperative Himmelblau ihren „Insider“, wie zu lesen war, schon an der Wiener Universität testen. Auch das Pneumatik-Wochenendhaus „Gelbes Herz“ der Haus Rucker Co. ist, wie einige andere Objekte, seit geraumer Zeit realisiert.

 

Man kann nicht umhin, dem Einfallsreichtum, der Experimentierfreude, aber auch der technischen Ingeniösität dieser beiden Gruppen zunächst einmal gebührende Anerkennung zu zollen. Zu Recht indessen macht Peter Pass [3: Peter Pass, Mind Expander, Bubbler und Pneumowiesen, in: form 47.] auf das ihren Vorstellungen innewohnende Moment des sentimental-romantischen Flairs des Wiener Praters aufmerksam. Zugleich besitzen ihre teils konkretisierten, teils nur auf dem Papier verwirklichten Vorrichtungen und Architekturmaschinen zur spielerischen Bewußtseinserweiterung neben ihrer heiteren Komponente auch etwas Beängstigendes. Damit ist nicht etwa die unverkennbare Provokation gemeint, die gegen das Klischee des gemütlichen Heims zielt; beunruhigend erscheint das Bild vom Menschen der Zukunft, das diese Entwürfe bestimmt. Abgesehen davon, daß die Objekte der beiden Gruppen eine bewußte Kontrastwelt zum Bereich der Arbeit bilden, wobei die Arbeitswelt offenbar auch in der Zukunft in einem solchen Maße das „Nichterleben“ darstellt, daß das Individuum ständig neuer und starker Stimuli bedarf, um sich als Erlebendes zu begreifen, wird der Benutzer dieser Apparate im Grunde als ein im wesentlichen passives Wesen erachtet. Er überläßt sich mannigfachen Sinneseindrücken, die er freilich verändern und steuern kann – ein bißchen weniger Blau in die Bubblewand oder ein wenig mehr Duftessenzen in die plexigläserne Tarnkappe –, er vollzieht paarweise programmierte erotische Spiele, hört und sieht, falls ihm danach ist, seinen Herzschlag, was ihn um den Eindruck einer Auf- und Abwärtsbewegung bereichert, nicht aber wie gewöhnlich Angstzustände auslöst, und er muß überhaupt viel liegen. Ein Mensch der Horizontale. Doch über seine Reduktion auf pure Wahrnehmung und Reaktion sollte auch der Umstand nicht hinwegtäuschen, daß es der Benutzer ist, der die Apparate in Betrieb setzt, die ihm die Umwelt als „faszinierenden dynamischen Prozeß“ vermitteln. Man kann sich fragen, wozu der Aufwand, wenn eine Kleinigkeit LSD längst jenes Unwirklichkeitsgefühl verschafft, das zum Beispiel auch ein Aufenthalt in der „Villa Rosa“ der Himmelblauen gewähren soll. Doch Chemiker und Designer lösen Aufgaben eben mit ihren Mitteln, und da die Unschädlichkeit bewußtseinerweiternder Drogen noch nicht erwiesen ist, mag sich die Design-Lösung schlußendlich als die bessere herausstellen. –

 

Die Objekte der Wiener Gruppen sollen wie LSD zu neuen, vor allem ästhetischen Erfahrungen verhelfen, doch kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß die Eroberung der psychodelic spaces zugleich eine Flucht aus der Wirklichkeit ist, deren Banalität, Brutalität und Komplexität zu verändern sich der Einzelmensch außerstande sieht. Rückzug also in die Abkapselung einer luftgepolsterten, transparenten oder semi-transparenten Zwischenwelt, die spielerische Abenteuer verheißt, die man am besten allein oder zu zweit genießt. Ist der Verdacht wirklich so abwegig, diese bewußtseinserweiternden Apparate fördern letztlich die Unmündigkeit des Individuums? „Vanilleeis-Zukunft“ versprechen ihre Designer. Mit Eiscreme stopft man Kindern den Mund, jedenfalls gilt es als probates Mittel, die störrischen, quängelnden lieben Kleinen wenigstens zeitweise abzulenken.

 

 

Zur fun-society

Sollte man sich mit diesen zweifellos phantasievollen, gleichzeitig aber auch etwas irre anmutenden Zukunfts-Visionen überhaupt ernsthaft auseinandersetzen?

 

Vor dem Hintergrund einiger wissenschaftlicher Prognosen erscheint dieser ästhetisch-orientierte Hedonismus, der für jene pulsierende Pneu-Architektur mit ihren diversen Reizauslösevorrichtungen charakteristisch ist, so weit hergeholt nicht. Denn die Gesellschaft der hochindustrialisierten Länder von morgen und übermorgen wird von Soziologen und Futurologen nicht nur als eine Überfluß- und Freizeitgesellschaft gesehen.

 

Der Sozialpsychologe Otto Haseloff [4: Otto Haseloff, Wie werden wir wohnen? Die Entwicklung der nächsten 30 Jahre; Referat in: 3K-Forum, Januar 1969.] spricht, wie etliche andere seiner Kollegen, bereits von einer „fun-society“. Und einer fun-society dürfte dergleichen Spielinventar, wie es die Wiener Gruppen schon heute vorstellen, durchaus angemessen sein. Mögen die „Villa Rosa“ und die „himmelblauen Spiele“ vielleicht auch erst Offerten an den Menschen um die zweite Jahrtausendwende sein, so decken sich die diesen Konzeptionen zugrunde liegenden Annahmen der gesellschaftlichen Entwicklung inhaltlich weitestgehend mit einer Reihe von Vorhersagen. So gibt etwa Haseloff für das Jahr 1990 für folgende Prognosen eine Eintrittswahrscheinlichkeit von 70 % an:

 

„enthemmende, ruhigstellende und euphorisierende Mittel werden von der Mehrzahl der Menschen laufend benutzt“ – „geistige Werte, Selbstbeherrschung und persönliche Distanz haben gegenüber Zielen wie Lebensgenuß, Gesundheit und Bequemlichkeit stark an Bedeutung verloren.“ – 62 % der Prognose, daß die Architektur gegenüber dem bisher betonten Funktionalismus versucht, vor allem dem Geborgenheitsbedürfnis vieler Menschen entgegenzukommen – was Werner Nehls unter anderem mit wuchernder Ornamentik zu erreichen hofft.

Und mit immerhin 65 % Wahrscheinlichkeit erwartet er, daß die Mehrzahl aller Patienten an psychosomatischen Störungen leiden wird. Ob die Eroberung der psychodelischen Erlebniswelt, wie sie etwa die Wiener Progressiven angehen, ob ein solchermaßen ästhetisch-orientierter Hedonismus zur Minderung dieser Leiden oder aber zu einer Intensivierung beiträgt, bleibt abzuwarten.

 

 

Neue Erlebnisse durch Konsum

Nun ist Hedonismus nicht a priori etwas Verwerfliches. Eine Wohlstandsgesellschaft braucht sich nicht zu kasteien; ihre Mitglieder haben ein Anrecht auf erhöhten und anspruchsvollen Konsum. Die Frage ist nur, was wird wie konsumiert und welches Angebot kommt von Seiten des Design?

 

Nach der Beschäftigung mit den spektakulären Design-Möglichkeiten zur spielerischen Bewußtseinserweiterung mag die Hinwendung zu jenen Designern, die sich gegenwärtig um eine Konsum-Kultur oder, wenn man so will, um eine „Wegwerfkultur“ bemühen, ein bißchen weniger aufregend sein. Indessen basieren einige jener futuristischen Konzeptionen, soweit es die Anwendung bestimmter Materialien betrifft, nicht zuletzt auf den Arbeiten und Vorarbeiten dieser Gestalter. Gemeint sind jene Gestalter, die sich mit dem Entwerfen von Pneumöbeln und Schaumkonstruktionen beschäftigen. Zu dieser Richtung zählt beispielsweise auch Peter Raacke und seine englischen Konkurrenten, deren Pappmöbel ihrem Preis entsprechend nicht für die Ewigkeit gedacht sind. Diese Richtung läßt sich ebenfalls als eine Form von ästhetisch-orientiertem hedonistischen Design kennzeichnen. Der gravierende Unterschied zum Styling, – und das ist festzuhalten –, besteht darin, daß diese Gestalter die Strukturen der Dinge gemäß den Materialien, mit denen sie experimentieren, verändern. Darüber hinaus plädieren sie für den Anspruch des Menschen auf ästhetisch stets neue Erlebnisse durch die Welt der Produkte. Ein Anspruch, der jedoch nur dann zu erfüllen ist, wenn die Relation zwischen Preis und Gebrauchsdauer zu rechtfertigen ist. Raacke, der nach eigener Aussage viel mehr Produkte gestalten möchte, die nach kürzerer Gebrauchsdauer untauglich werden, beklagt, daß solchen Vorstellungen gegenwärtig die Gestehungskosten hinderlich sind.

 

Diese Gestaltungs-Auffassung, gewiß mehr der Gegenwart verbunden als die der Wiener Progressiven aber nicht ohne innere Verwandtschaft, ist außerordentlich interessant.

 

Hier eröffnet sich ein Betätigungsfeld, das vom Industrial Designer sehr viel Imagination und Freude am Experiment verlangt, ein Feld, auf dem er weniger der Knecht einer Industrie sein könnte als vielmehr ihr wirklicher Ideenlieferant. Möglich, daß das Produktspektrum derzeit nicht allzu umfangreich ist, doch mag es sich im Laufe der Zeit erweitern. Vielleicht bietet diese Richtung Ansätze zur Definition eines Funktionalismus der Überflußgesellschaft, zu der Moles auffordert, in die freilich noch einige andere Aspekte einzugehen hätten.

 

Denn die bisher dargestellten Bestrebungen kreisen im wesentlichen um die Gestaltung der individuellen Umwelt und ihrer Attribute, und das ist gewiß nicht das gesamte Thema, das heute, morgen und übermorgen zu bewältigen ist. Immerhin, die allgemein erwartete und prognostizierte Zunahme konsumptiven Verhaltens ist diesen Bemühungen im starken Maße förderlich. Und wenn der Soziologe Helmut Klages [5: Helmut Klages, Anpassung der Einrichtung an die Veränderung der Lebensgewohnheiten, Referat in: 3K-Forum, Januar 1969.] für den Zeitraum bis etwa 1980 eine „wachsende Bereitschaft zur komplimentären Häuslichkeit“, „einen dadurch bedingten Einrichtungssonderbedarf“ und „eine wachsende Bereitschaft zum Kauf von Mobilar, das im Hinblick auf Wohnungswechsel kein Hindernis darstellt“ voraussagt, wenn er ferner als deutliche Trends eine „durchschnittlich wachsende Sublimation der Bedürfnisse (= wachsende Bedeutung ästhetischer Komponenten bei den Konsumentenwünschen)“ sowie eine „durchschnittlich wachsende Neigung zum Wechsel der Wohnung aus ästhetischen oder außerberuflich-sozialen Gründen“ ausweist, so verheißt er nicht allein Stylisten rosa Zeiten, sondern auch jenen Designern, denen es um einen ästhetisch-orientierten Hedonismus geht.

 

 

Die Kehrseite

Freilich stimmen in diesem Zusammenhang einige von Haseloff vorgetragene Erwartungen recht ernüchternd. Hier wird das Bild von einem zukünftigen Menschen enthüllt, der offensichtlich völlig apolitisch ist und seine Selbstbestätigung vornehmlich in einem Konsumfetischismus findet. Haseloff:

 

„Recht bedenklich aber ist es, daß nur wenige technomorphe Zukunftsmodelle eine zunehmende Demokratisierung und Humanisierung der Arbeitswelt, der politischen Entscheidung und der Herrschaft erwarten. Viel häufiger wird eine Herrschaft kleiner technologischer und machtmäßiger Eliten erwartet, die ihren Platz auf den Kommandostellen der Gesellschaft dadurch sichern, daß sie die Urteils- und Kritikfähigkeit der Beherrschten immer mehr unterdrücken, dafür aber weitgehende Sicherheiten des Konsums und der Bedürfnisbefriedigung garantieren!“ Doch hält es Haseloff andererseits für unwahrscheinlich, daß sich durch die Erleichterung des Realitätsdrucks eine „Subkultur der Freizeit“ herausbildet, in der Antriebsüberschüsse sinnvoll sublimiert werden. Hierbei wird die Wohnung eine zentrale Rolle spielen. Im übrigen wird im Bereich der Subkultur der Freizeit ein zunehmendes Bedürfnis nach Selbstausdruck und Selbststabilisierung zu einem auswählenden und anspruchsvollen, vor allem aber individualisierten Konsum führen, der sich allerdings zugleich als „normativer Hedonismus“ charakterisieren läßt. „Ob dieser normative Hedonismus nicht ebenso anstrengend und belastend ist wie die Anforderungen der jetzt noch dominierenden Daseinsformen der Leistungsgesellschaft“ (Haseloff), mag offenbleiben. Allein, die prognostizierte Zunahme psychosomatischer Krankheiten und die erwartete Verbreitung der Glückspille dürften in einem ursächlichen Zusammenhang stehen, der uns außerordentlich mißtrauisch machen sollte.

 

Wenn uns Futurologen wie Haseloff und Hermann Kahn für die nächsten Jahrzehnte eine Subkultur der Freizeit, eine fun-society und ähnliches in Aussicht stellen, und wenn rein technologisch orientierte Prognosen die Bewältigung vieler Probleme der Menschheit wie die Gewinnung künstlicher Nahrungsmittel und Proteine, Entsalzung des Meerwassers oder neue Energiequellen (bis zum Jahre 1980) voraussagen, so gehen diese Wissenschaftler doch stillschweigend davon aus, daß sozusagen nichts dazwischenkommt. Keine Kriege, keine Revolutionen, keine inneren Erschütterungen, die eine solche Entwicklung empfindlich stören könnten. Dieses Vertrauen in den Fortschritt der Technik, der gewiß viele beängstigende Probleme lösen wird, nimmt dem weitverbreiteten Zukunftsbild einer überbevölkerten, hungernden Welt viel von seinem Grauen.

 

Andererseits ist die Stabilität des Kräfteverhältnisses zwischen Ost und West, die eruptionslose Entwicklung der Dritten Welt, vor allem aber ein Stopp der Bevölkerungsexplosion so ausgemacht nicht, weshalb sich denn auch eine Reihe von wissenschaftlichen Instituten vorsorglich mit kriegerischen Eventualitäten beschäftigen. Mit welchen Möglichkeiten, mit welchen strategischen und taktischen Mitteln und Waffen zu welchem Zeitpunkt einige Wissenschaftler rechnen, haben einschlägige amerikanische Institute bereits hinreichend veröffentlicht. Das ist die andere Seite der Medaille, die mit der Prägung „fun-society“ versehen zu sein scheint.

 

Doch Prognosen, so wohlbegründet sie auch sein mögen, sind keine self-fulfillung systems. Das wäre eine fatalistische Deutung, denn es hieße die Dinge einfach auf uns zukommen zu lassen. Prognosen entsprechen keiner Sollvorstellung, sondern stecken den Rahmen ab, innerhalb dessen Sollvorstellungen entwickelt werden könnten, sie weisen Faktoren auf, die, in welcher Form auch immer, berücksichtigt werden sollten. Wie hinfällig beispielsweise die Aussicht auf den anscheinend unvermeidlichen Übergang zu einer fun-society sein könnte, mag das vielbeachtete Sacharow-Memorandum [6: A. D. Sacharow, Memorandum, Gedanken über Fortschritt, friedliche Koexistenz und geistige Freiheit, Possev-Verlag, Frankfurt/Main 1968.] verdeutlichen. Würden seine Vorschläge auch nur teilweise verwirklicht, so wären wir der Bürde eines extensiven normativen Hedonismus weitestgehend enthoben.

 

 

Realismus im Design

Doch wenden wir uns nun jenem Aufgabenkomplex zu, der gegenwärtig unter der Bezeichnung „Umweltgestaltung“ in aller Munde ist – wer „in“ ist, verwendet auch gern den Ausdruck environmental design –, der sowohl in einer Leistungsgesellschaft als auch in einer fun-society bewältigt werden muß. Da das Wort Umweltgestaltung häufig mißbraucht wird, erscheint an dieser Stelle eine kurze Definition angebracht.

 

Unter Umweltgestaltung ist primär die Gestaltung der Teile unserer Umwelt zu verstehen, die zur allgemeinen Nutzung oder Benutzung bestimmt sind beziehungsweise für spezielle Benutzergruppen zur Verfügung gestellt werden und auf deren Auswahl und Beschaffenheit der Nutzer oder Benutzer keinen nennenswerten Einfluß hat. Damit ist ein Objektbereich umrissen, der von der Regionalplanung bis hin zum öffentlichen Papierkorb, von der kompletten Industrieanlage bis hin zum einzelnen Arbeitsplatz reicht und eine Fülle von ineinandergreifenden Systemen und Subsystemen umfaßt.

 

Daß die Gestaltung von Makroobjekten dieser Art nicht länger von Teams herkömmlicher Zusammensetzung durchzuführen ist, wurde mittlerweile erkannt. Nicht ganz so verbreitet ist die Einsicht, daß bei vielen Aufgaben inneralb der Umweltgestaltung, die Rolle des Industrial Designers eine bescheidenere und keineswegs die eines Koordinators sein wird.

 

In dem allenthalben zu beobachtenden Streben der umweltgestaltenden Aktivitäten gemeinsam und mit Wissenschaftlern und Fachleuten der verschiedensten Gebiete zusammen bessere Lösungen für die anstehenden Probleme zu erarbeiten, wendet man sich von jener Gestaltungsauffassung ab, die sich von der Addition gut gestalteter Einzelobjekte eine positive Veränderung der Umwelt versprach. Vielmehr gehen die am environmental design partizipierenden Gestalter von der Erkenntnis aus, daß sich das einzelne Element eines Systems in der Interaktion mit den übrigen in der gesamten Benutzungssituation zu bewähren hat, was zwangsläufig einen kleinkarierten Ästhetizismus ausschließen muß. Hier kündigt sich so etwas wie ein Realismus des Design an, der weder nach Minimallösungen sucht noch einen bestimmten Formalismus gestattet. Die Einsicht dieser Gestalter, daß sich die komplexen Aufgaben der Umweltgestaltung nur interdisziplinär lösen lassen, daß es ihnen zufällt, wissenschaftlich ermittelte Fakten in Artefakten zu übersetzen und sie ihrerseits einer Rückkoppelung zu unterwerfen (einige Planer verlangen zum Beispiel Teststädte), verweist das rein ästhetische Moment ins Sekundäre. Das bedeutet allerdings nicht, die ästhetische Kategorie würde vernachlässigt, Phantasie und Einfalle wären nicht mehr gefragt. Nur ein Faktenfetischist kann annehmen, daß aus dem Sammeln aller auffindbaren Faktoren zu einem Problem bereits dessen konkrete Lösung hervorgeht.

 

Der Hinweis auf die Rangordnung des ästhetischen Moments innerhalb der Aufgaben der Umweltgestaltung erscheint hier vielmehr im Vergleich zu der Gestaltungsauffassung angezeigt, die wir als ästhetisch-orientiertes hedonistisches Design beschrieben haben.

Environmental design ist nicht eine neue Losung – Umweltgestaltung wurde schlecht und recht auch schon früher betrieben –, sondern eine durch zunehmende Industrialisierung bedingte Notwendigkeit. Die Bewältigung der Probleme unserer Umwelt erfordert analytisches und systembezogenes Denken, Bereitschaft zur Teamarbeit und Verzicht auf Prioritätsansprüche seitens der Gestalter.

 

Eine ähnlich nüchterne Denkweise wäre auch für eine sinnvolle Design-Tätigkeit in den Entwicklungsländern vorauszusetzen. Hier geht es zunächst und vor allem um die Definition der jeweiligen Bedürfnisse und ihrer ökonomischen und kulturellen Bedingungen, nicht aber um Export von Gestaltungskonzeptionen, die den Voraussetzungen hochindustrialisierter Gesellschaften entsprechen.

 

 

„Sozialistisches Design“

Der bisher vermittelte Überblick über mögliche, zukünftige Standorte speziell des Industrial Designs beschränkte sich auf Zielvorstellungen und Auffassungen, die sich in der westlichen Welt unter dem Vorzeichen des freien Wettbewerbs abzeichnen. Außerdem wären die Positionen darzulegen, die das Industrial Design künftig in den Ländern einnehmen könnte, die wie die sozialistischen die Wirtschaftsform des freien Wettbewerbs aus praktischen Erwägungen und ideologischen Gründen (noch) mißbilligen. Auch das ist wiederum ein Thema, das seines Umfangs wegen gesondert zu behandeln wäre (siehe auch Beitrag Seite 39). Hier nur soviel: Die Möglichkeiten, die das Industrial Design innerhalb eines non-kompetitiven Wirtschaftssystems wahrnehmen kann, unterscheiden sich von denen eines auf Wettbewerb gerichteten so gravierend, daß Tomás Maldonado [7: ) Tomás Maldonado, Industrial Design – Training and Alternatives of a Profession, Referat in: ICSID, Venedig 1961.] sich bereits 1961 veranlaßt sah, hier auf eine dritte Design-Richtung hinzuweisen, die sich neben den „Absatzförderern“ und den „platonischen Form-Funktions-Puristen“ der westlichen Länder formiert. Jene anderen Möglichkeiten sieht Maldonado vor allem darin, daß der Designer eine Revision technischer Produkte, ihrer Struktur und Funktion angeht – ohne die Behinderungen, die ihm eine an ständigem Absatz interessierte Wirtschaft etwa durch die Forderung nach rein äußerlicher Produktdifferenzierung auferlegt.

 

Und daß man sich in Zukunft dort nicht nur mit einer Revision von Einzelobjekten beschäftigen, sondern auf der Basis einer intensiven Grundlagenforschung auch Probleme der Umweltgestaltung anpacken wird, darauf deuten die Mammutinstitute für Technische Ästhetik in Moskau, Leningrad und Lettland hin, die jeweils mehrere Hunderte von Mitarbeitern zählen und in denen Architekten, Industrial Designer und Grafiker mit Wissenschaftlern der verschiedensten Bereiche zusammenarbeiten.

 

Ob die gegenwärtig in der UdSSR angestrebte Einschränkung der Typenvielfalt bei Konsum- und auch bei Investitionsgütern, ob die Bemühung um sogenannte „Standards“, also wenige mustergültige Lösungen für die Serienproduktion ein aus den derzeitigen wirtschaftlichen Gegebenheiten resultierendes Übergangsziel ist oder tatsächlich ein wünschenswerter Endzustand, sei dahingestellt. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit, die bei uns noch in den Kinderschuhen steckt, ist dort jedoch bereits verwirklicht.

 

Möglichkeiten

Fassen wir zusammen: Die Zukunft bietet Alternativen. Wir können uns weiterhin für das der Industrie so liebgewordene Styling entscheiden und zu Dekorateuren degenerieren oder aber uns auf dem Wege eines erweiterten Funktionalismus um dem Benutzer adäquatere Produktkonzeptionen bemühen. Wir können unsere schöpferischen Fähigkeiten einer Kultur des Wegwerfens im Sinne eines ästhetisch-orientierten Hedonismus zur Verfügung stellen. Wir können aber auch unsere Aufmerksamkeit und Talente auf Probleme der Umweltgestaltung richten, die innerhalb oder außerhalb der Industrie in besonderen Instituten interdisziplinär zu lösen sind; auf Probleme also, die wie Verkehrs- und Kommunikationssysteme oder der gesamte Bildungsbereich nicht in erster Linie vom Gesichtspunkt des unmittelbaren Profits bestimmt sind. Das bedeutet, daß der Industrial Designer bereit sein muß, seinen Service von vornherein öffentlichen Institutionen anzutragen.

Und er kann helfen, die Güter dieser Welt gerechter zu verteilen. Diese Aufgabe stellt sich nicht nur in den Entwicklungsländern, sondern durchaus auch in unserer Gesellschaft, in der Körperbehinderte oder alte Menschen nicht eben zu den privilegierten Schichten zählen und in der die Arbeitswelt einer zunehmenden Humanisierung bedarf. Zu dieser gerechten Verteilung können wir ferner beitragen, wenn wir unsere Fähigkeiten den Entwicklungsländern verfügbar machen. Und zwar nicht, indem wir nach Indien, in den Kongo oder nach Brasilien gehen, um dort Menschen beizubringen, wie in den USA, in Schweden oder Deutschland ein guter Kochtopf entworfen wird, sondern indem wir ihnen helfen, ihre Reservoirs für ihre spezifischen Bedürfnisse zu nutzen.

Es besteht kein Grund zur Annahme, daß der Beruf des Industrial Designers in Zukunft überflüssig wird, vorausgesetzt, daß das Ausbildungs- und Fortbildungssystem den sich steigernden Anforderungen nachkommt. Denn, um nochmals Haseloff zu zitieren: „Die dynamische Gesellschaft der Zukunft vermag ihre vielfältigen Probleme nicht zu bewältigen und sie vermag die sich ihr eröffnenden Chancen nicht zu realisieren, ohne daß sie dauernd auf eine große Reserve von Menschen zurückzugreifen vermag, die sich durch überdurchschnittliche Individualität, Differenziertheit und automate Produktivität auszeichnen und die daher zum Träger kultureller Innovationen werden können.“