60 Years of form
1969:

Design-Ideologien (1)

Text: Gerda Müller-Krauspe

 46
1969
S. 29–33

Opas Funktionalismus ist tot. Der Standort des Industrial Design – gestern, heute und morgen.

Unter diesem Leitthema stehen drei Beiträge, in denen der Versuch einer kritischen Auseinandersetzung mit verschiedenen Gestaltungsauffassungen unternommen werden soll. 

Im vorliegenden ersten Teil dieses Zyklus wird der Funktionalismus und insbesondere seine Abgrenzung vom Konstruktivismus behandelt. Der zweite Beitrag geht auf das Styling und seine ideologische Rechtfertigung ein; im dritten und letzten schließlich sollen unter dem Stichwort „Alternativen“ Gestaltungsauffassungen aufgezeigt werden, die möglichen gesellschaftlichen Entwicklungen Rechnung tragen.

 

Alle reden vom Funktionalismus

Die Diskussion um den Funktionalismus ist in vollem Gange (siehe auch Beiträge in form 41 und 43). Hartmut Seeger [1: Hartmut Seeger: „Funktionalismus im Rückspiegel des Design“; form, Ht. 43] bezeichnet die Kritik am Funktionalismus schlankweg als das derzeit „heißeste Thema“ in der Auseinandersetzung um Design und Umweltgestaltung. Und wenn selbst Reyner Banham, der schon immer ein bemerkenswert feines Gespür für anstehende Fragen erkennen ließ, in seinem demnächst erscheinenden Buch „The Architecture of the Well-Tempered Environment“ unter anderem den Bauhaus-Funktionalismus kritisch unter die Lupe nimmt, dann darf man sicher sein, daß dieses Thema nicht nur müde gewordene Federn wieder belebt hat, sondern daß auch der von H. Seeger verwendete Superlativ zutrifft. Wer sich also an der Debatte beteiligen will, tut gut daran, sich jetzt zu äußern – noch ehe die Thematik womöglich eine Abkühlung erfährt.

 

Klärungen und Erklärungen

Da das Thema denn so ungemein aktuell ist, erscheint es geradezu unvermeidlich, in dem vorliegenden Beitrag einige Gedanken zu wiederholen, die von anderen bereits vorgetragen und formuliert worden sind. Darüber hinaus aber soll im nachstehenden der Versuch unternommen werden, den so umstrittenen Funktionalismus auf seinen ideologischen Charakter hin zu überprüfen, ferner Funktionalismus gegen Konstruktivismus abzugrenzen und schließlich die Chancen des sogenannten erweiterten Funktionalismus zu orten. In diesem Sinne ein Versuch, mehr nicht, aber – wie jeder Versuch – nicht risikofrei.

 

Das skizzierte Programm bedingt zunächst einmal die Formulierung einiger Definitionen. Weiterhin wird es sich nicht verhindern lassen, etliche Ausflüge in die Kunstgeschichte zu unternehmen. (Leser, denen das Aufwärmen Sullivan’scher, Loos’scher Thesen oder ähnlichem, weil sattsam bekannt, zuwider ist, mögen die betreffenden Stellen als nicht existent betrachten.) Und noch eine letzte Vorbemerkung: innerhalb dieses Beitrags soll der Funktionalismus beziehungsweise seine Konkretisierung vorwiegend und – soweit das möglich ist –, auf dem Aktionsfeld Industrial Design dargestellt werden. Da jedoch das Industrial Design den Funktionalismus als Gestaltungsauffassung nicht gepachtet hat, sondern ihn naturgemäß mit anderen Design-Sparten teilt, wird es notwendig sein, gelegentlich auch auf den Funktionalismus in der Architektur zu verweisen. Denn in der Auseinandersetzung mit dem Funktionalismus wäre es nachgerade töricht, die Gebiete Architektur und Städtebau auszuklammern, zumal die Kritik gerade in diesen Bereichen zuerst einsetzte (Jane Jacobs, Alexander Mitscherlich u. a.). Auch die Ausfälle Werner Nehls [2: Werner Nehls: „Revolution im Design?“ Ein Gespräch mit Werner Nehls; form, Ht. 43] gegen den Funktionalismus richten sich primär auf die funktionalistische Architektur und beziehen sich erst in zweiter Linie auf den Bereich des Industrial Design.

 

Zu den oben für notwendig erklärten Definitionen also:

Für jenen umstrittenen und gewiß überholten Funktionalismus gelten als Begriffsbestimmung noch immer die Formeln seiner Väter Labrouste „eine Form muß immer der Funktion entsprechen der sie dient“ und Sullivan „form follows function“. Es ist von verschiedener Seite bereits darauf aufmerksam gemacht worden, daß das Dilemma des Funktionalismus nicht zuletzt darin begründet ist, daß seine frühen Fürsprecher zwar prägnante Parolen zu artikulieren wußten, indessen nie eindeutig klärten, was denn nun genau unter Funktion zu verstehen sei. Das Zweckmäßige, das Nützliche, das technisch Optimale? Aber es würde Geschichtsklitterung bedeuten, wollte man gleichsam zur Ehrenrettung des Funktionalismus im Nachtrag Versäumtes nachholen.

 

Was den erweiterten Funktionalismus betrifft, dessen Definition ansteht, so bietet sich das Kürzel „form follows function“ als Arbeitsformel zumindest übergangsweise an.

 

Da im weiteren von Funktionalismus als Ideologie die Rede sein soll, bedarf auch der Begriff Ideologie einer Klärung. In unserem Zusammenhang scheint mir eine Formulierung von Hannah Arendt [3: Hannah Arendt: „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“; deutsche Ausgabe Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt/M. 1955] brauchbar, die sie in ihrer Analyse der modernen Ideologien verwendete: “Man könnte sagen, daß es das eigentliche Wesen der Ideologie ist, aus einer Idee eine Prämisse zu machen, aus einer Einsicht in das, was ist, eine Voraussetzung für das, was sich zwangsgemäß einsichtig ereignen soll.“

 

Anklage und Verteidigung – die mißverstandenen Enkel

Betrachten wir nunmehr den Stand der gegenwärtigen Diskussion. Die Gestaltungsauffassung des Bauhauses wird heute weitgehend als Synonym für Funktionalismus begriffen und in ihren Wirkungen und Nachwirkungen kritisiert. Nachdem man dem Bauhaus im vorigen Jahr mit der Mammutausstellung in Stuttgart die gebührende Reverenz erwies und mancher Besucher bei näherem Hinsehen denn wohl auch etwas Mottenpulver roch und etliche Unstimmigkeiten entdecken konnte, ist es offenbar chic, das Bauhaus ins Museale zu verweisen.

Kritiker, mit einigem Sinn für Zusammenhänge, setzen jedoch nicht nur das Bauhaus stellvertretend für den Funktionalismus, einige von ihnen gesellen ihm die Hochschule für Gestaltung Ulm und die Design-Auffassung der Firma Braun hinzu, soweit sich die Kritik auf dem Terrain des Industrial Design bewegt. Werner Nehls spricht von nur schwer zu behebenden Schäden, die die HfG und deren „Logistiker“ in bezug auf unsere Umwelt angerichtet haben. (Der falsche Gebrauch des Begriffs Logistik beziehungsweise Logistiker legt einen Exkurs nahe, auf den an dieser Stelle jedoch verzichtet werden soll.) Und an anderer Stelle sagt er: „Ob Sie eine monotone Häuserzeile bauen oder Braun-Elemente aneinanderreihen, es ist genauso kalt, leer und seelenlos und von höchst negativem Einfluß auf den Menschen.“

Auf die Gefahr hin, den roten Faden innerhalb dieses Aufsatzes nicht als sehr straff erkenntlich werden zu lassen, hierzu sogleich eine längst fällige Erwiderung: Wer der HfG einen engstirnigen und damit anfechtbaren Funktionalismus vorwirft, hat sich offenbar mit der HfG und den an ihr entwickelten Produkten oder Aufgabenlösungen nie bewußt beschäftigt. Die Schwächen des Bauhaus(-Funktionalismus) erkennend, hat man gerade an der HfG von Anfang an und immer und immer wieder eine Prüfung der eigenen Position vorgenommen, um nicht der Gefahr der Prägung eines Ismus zu erliegen. Dies unter anderem dadurch, daß man Fachkräfte aus den verschiedensten natur- und geisteswissenschaftlichen Disziplinen als bestallte Dozenten heranzog.

Da diese Institution, dieses Modell nunmehr eingegangen ist, wird sie – zum Troste von Herrn Nehls und anderen – keinen weiteren Schaden mehr anrichten können, es sei denn durch ihre eigentlichen Produkte, ihre Absolventen. Ein Comeback dieses spezifischen Modells ist unwahrscheinlich.

Was nun die Firma Braun und deren „funktionalistische“ Erzeugnisse anlangt, so sind sie als Objekte einer Kritik am Funktionalismus völlig ungeeignet. Man kann zwar unterstellen, daß die Firma Braun mit ihrer konsequenten Gestaltungsauffassung unter anderem auch ein wenig missionieren will. Als Aktiengesellschaft aber will sie und hat sie, wie jedes andere kapitalistische Unternehmen, in erster Linie Profit zu machen. Wenn sie dieses Ziel dadurch erreicht, daß sie sich bewußt in einer Marktlücke angesiedelt hat, in der diese Art von funktionalistischer Gestaltung gefragt ist, dann entspricht dies einem geschickten unternehmerischen Verhalten. Und siehe, es gibt (noch) einen bestimmten Verbraucherkreis, der diesen nüchternen, schwarz-weiß-grauen Produkten eine ihnen innewohnende formale Qualität abzugewinnen vermag. Abgesehen davon, daß es eine unstatthafte Vereinfachung darstellt, die gesamte Produktskala dieses Unternehmens als funktionalistisch abzustempeln, wird schließlich niemand gezwungen, allein Braun-Erzeugnisse zu kaufen. Der Markt – das dürfte unbestritten sein – bietet eine stattliche Auswahl. Sich gegen den Einzug in eine monotone Häuserzeile, einen einfallslosen Wohnblock zu wehren, ist hingegen breiten Bevölkerungskreisen mangels Einkommen und Angebot nicht möglich.

 

Die Kritiker wissen sich insoweit einig, als daß sie Opas Funktionalismus, also jene Gestaltungsauffassung, zu der sich die Architekten und Gestalter der 20er Jahre bekannten, für tot erklärt haben. Die gleiche Einigkeit herrscht hinsichtlich der gesellschaftlichen Entwicklung adäquater Gestaltungsauffassungen nicht. Während der Anti-Funktionalist Nehls mit einer emotional und irrational orientierten Design-Konzeption die Probleme einer neurotischen Gesellschaft zu lösen hofft, präsentiert Hartmut Seeger forsch ein (derzeit) sechswertiges Kriteriensystem des Design, das sinngemäß wohl dem sogenannten erweiterten Funktionalismus entsprechen dürfte. Sehr genau sind seine Angaben dazu nicht, wie denn auch seine Definition des Begriffs Design etwas unklar ist. („Design soll dabei innerhalb jedes technischen Entwurfs als die gleichzeitige, konstruktive Gestaltung des visuellen Erscheinungsbildes technischer Objekte verstanden werden.“)

 

Abraham Moles [4: Abraham A. Moles: „Die Krise des Funktionalismus“; form, Ht. 41], Patentlösungen gegenüber offenbar skeptisch, rät zum erneuten Überdenken des Funktionalismus insbesondere durch die „Designinstitutionen ..., um damit einen Einfluß auf das Ende der Krise auszuüben.“ Er konstatiert, und darin trifft er sich weitestgehend mit Theodor W. Adorno [5: Theodor W. Adorno: „Funktionalismus heute“; Vortrag auf der Tagung des Deutschen Werkbundes, Berlin, 23. Okt. 1965]: „Der Funktionalismus darf nicht isoliert betrachtet werden, sondern ist in seinen gesellschaftlichen Verflechtungen zu sehen. Ein Funktionalismus der Überflußgesellschaft wäre zu definieren.“

 

Welche Möglichkeiten Reyner Banham [6: Reyner Banham: „Environment of the machine aesthetic“, Vorabdruck aus dem Buch „The Architecture of the Well-Tempered Environment“; (Architectural Press 1969) in design, Ht. 239] zur Beseitigung der Krise, in die der Funktionalismus geraten ist, sieht, wird seinem angekündigten neuen Opus zu entnehmen sein.

 

 

Anwälte und Protagonisten

Zurück zum Bauhaus. So aktuell die Kritik am Funktionalismus erscheinen mag, neu ist sie nicht. Wend Fischer [7: Wend Fischer: „Bau – Raum – Gerät“; Pieper & Co., Verlag, München 1957] schreibt in seinem 1957 erschienenen Buch „Bau-Raum-Gerät“: „Der Funktionalismus ... ist vielfach und besonders im Hinblick auf die 20er Jahre als eine einseitig rationalistische und materialistische Doktrin mißdeutet worden.“

 

Und weiter: „Sie“ (die Architekten und Gestalter, die sich zum Funktionalismus bekannten) „negierten, so wurde und wird behauptet, die Beziehung der Dinge zum Menschen und förderten die Mechanisierung und Technifizierung des menschlichen Daseins – der Funktionalismus sei zutiefst inhuman.“ Wend Fischer lehnt diese Behauptung entschieden ab und verweist auf die wesentlichen „Triebfedern dieses gegen ,mechanische Anarchie‘ gerichteten Funktionalismus“, auf „künstlerische Imagination und soziales Verantwortungsgefühl.“ Und weiter sagt er: „Schon die Tatsache, daß in der Entwicklungsphase der 20er Jahre, also im Zeichen des Funktionalismus, der Wohnungsbau und die Einrichtung der menschlichen Wohnung zu zentralen Aufgaben des Bauens und Gestaltens wurden, bekundet die humane Zielsetzung aller dieser Architekten und Gestalter, die bei der Lösung jeder Aufgabe, vor die sie sich gestellt sahen, darauf bedacht waren, die praktischen und die psychischen Funktionen in einer ganzheitlich entwickelten Gestalt zur Übereinstimmung zu bringen.“

 

Ob die drei zuletzt zitierten Nebensätze Allgemeingültigkeit beanspruchen dürfen, mag offenbleiben. Marcel Breuer bezeichnete 1934 im Rückblick die Aufgabe der modernen Architektur knapp als „Zivilisierung der Technik“. Daß diesen humanen Zielsetzungen nur partieller Erfolg beschieden war ist heute offenkundig. Die Frage ist, weshalb?

 

Um es noch einmal festzuhalten: Im Bauhaus manifestierte sich der Funktionalismus am markantesten. Er wurde jedoch nicht etwa dort entwickelt. Von seinen Vätern war bereits die Rede; von seinem wortmächtigsten Anwalt, Adolf Loos, wird noch zu sprechen sein.

 

Die Beantwortung der obigen Frage ist nicht einfach. Hier sei jedoch die Behauptung gewagt, daß der Funktionalismus letztendlich an seiner Ideologie gescheitert ist. Bei Betrachtung dieser Ideologie muß man sich verschiedene Voraussetzungen, auf denen sie basiert, vergegenwärtigen, unter anderem: das Loos’sche Gedankengut, die gesellschaftlichen Verflechtungen, auf die bereits Moles hinwies und die sehr komplexer Art sind, sowie die Einflüsse der modernen Malerei von den Futuristen, Suprematisten bis hin zu der de Stijl-Gruppe.

Mit dem Namen Adolf Loos [8: Adolf Loos: „Trotzdem“; Brenner-Verlag, Innsbruck 1931] verbindet sich heute vielfach nichts mehr als die zum billigen Slogan abgesunkene Überschrift seines 1908 erschienenen Aufsatzes „Ornament und Verbrechen“. Darüber hinaus ist vielleicht allenfalls bekannt, daß er, ein Karl Kraus der Kulturkritik, einen erbitterten Kampf gegen das Ornament und jene, die ihm huldigten, führte und sowohl den Künstlern des Jugendstils als auch jenen des Werkbundes spinnefeind war. Weniger allgemein bekannt dürften jedoch die mannigfachen Begründungen sein, mit denen er das Ornament als Verbrechen demaskierte. Hier seien nur zwei herausgegriffen. Loos, der sich oft und gern als „moderner Mensch“ bezeichnete, führte auf höchst eigenwillige Weise die Ornamente auf erotische Symbole zurück. Den Gebrauch erotischer Symbole gesteht er frühen Kulturstufen ebenso zu wie dem Kind, das diese Entwicklungsstufen praktisch nachzuvollziehen hat.

Den Menschen seiner Zeit, der nicht auf das Ornament verzichten mag, nennt er – in der Wortwahl nicht gerade pingelig –, einen „degenerierten“. In der ihm eigenen Bescheidenheit und Schreibweise formulierte er: „Ich habe folgende erkenntnis gefunden und der welt geschenkt: evolution der kultur ist gleichbedeutend mit dem entfernen des ornaments aus dem gebrauchsgegenstand.“ Diese Erkenntnis wurde ihm, wie er selbst bestätigte, nicht gedankt.

 

Der zweite Gesichtspunkt, der ihm das Ornament als Verbrechen erscheinen ließ, ist ein sozialer und nationalökonomischer zugleich. Das Ornament, so argumentiert er, verteuere die Gegenstände, es vergeude Arbeitskraft und Gesundheit, Material und Kapital. Eingehend auf die Unterbezahlung der Drechsler, Stickerinnen etc. schreibt er: „Der ornamentiker muß zwanzig stunden arbeiten, um das einkommen eines modernen arbeiters zu erreichen der acht stunden arbeitet.“ Und an anderer Stelle heißt es: „Wenn alle gegenstände ästhetisch so lange halten würden, wie sie es physisch tun, könnte der konsument einen preis dafür entrichten, der es dem arbeiter ermöglichen würde, mehr geld zu verdienen und weniger lange arbeiten zu müssen.“

Das klingt nachgerade sozialistisch, und die Funktionalisten werden diese Sätze auch in dieser Richtung interpretiert haben. Zu Recht aber macht Adorno auf die den Loos’schen Forderungen innewohnende bürgerliche Arbeitsmoral aufmerksam, die auf Sparsamkeit aus Gründen der Rentabilität erpicht ist.

 

 

 

Die Szenerie

Das führt uns zu den gesellschaftlichen Verflechtungen, in denen der Funktionalismus vor allem der 20er Jahre betrachtet werden muß, wobei an dieser Stelle nur auf einige wenige hingewiesen werden kann. Ein gewisser Linksdrall war und ist, das darf man getrost annehmen, allen Funktionalisten gemeinsam. Aber während 1918 in Deutschland die Republik die Monarchie als Staatsform ablöste, blieb doch die Wirtschaftsstruktur nach wie vor kapitalistisch. Auf diesem Hintergrund muß man denn auch die Arbeiten der Funktionalisten sehen. Ihre Vorstellungen von einer besseren Umwelt für jedermann konnten und mußten sie nur innerhalb dieses Systems verwirklichen.

 

In dem Kapitel „Environment of the machine aesthetic“ des oben genannten Buches, in dem Banham insonderheit das Thema Licht und Beleuchtung im Zusammenhang mit Visionen und Konzeptionen der Avantgardisten der ersten drei Dezennien unseres Jahrhunderts aufgreift, zitiert der Verfasser Michael Brawne: „... das Bauhaus, das den Verbraucher völlig ignorierte, konzentrierte sich auf die rationellste Herstellungsweise eines Produktes, zum Beispiel auf den einfachsten Weg eine Glaskugel zu blasen, die dann zu einem Beleuchtungskörper wird.“ Eine böse Anklage. Daß jedoch der Bauhaus-Funktionalismus nicht Verbraucher – sondern produktionsorientiert war, darf man ihm nicht zum Vorwurf machen. Das hieße die wirtschaftlichen Bedingungen jener Zeit, die wir uns soeben vor Augen geführt haben, zu verkennen. Die Hinwendung zur marktorientierten Produktion erfolgte zumindest in Europa erst Mitte der 50er Jahre. Welches Heil oder Unheil sie zeugte, ist ein Thema für sich.

 

Der Versuch des Bauhauses indessen, Produkte zeitgemäß zu gestalten und sie zugleich auch für alle erschwinglich zu machen, ist von entschieden humaner Intention. So viel oder so wenig zu den gesellschaftlichen Verflechtungen.

 

 

Die (Verwechselung der) ungleichen Brüder

Nunmehr noch einige Anmerkungen zu den Einflüssen der modernen, daß heißt der abstrakten Malerei auf den Funktionalismus.

 

Sigfried Gideon [9: Sigfried Giedion: „Raum, Zeit, Architektur“; Otto Maier Verlag, Ravensburg 1965] hat sehr anschaulich dargelegt, wie durch die Berufung von mehr und mehr Künstlern der abstrakten Gruppe die Entwicklung des Bauhauses geprägt wurde und welcher Kontakt zu anderen Künstlerkreisen, etwa der de Stijl-Gruppe, bestand. Er schreibt: „Die Tätigkeit des Bauhauses kann nur begriffen werden, wenn man die Konzeption, die hinter der modernen Malerei liegt, versteht. Ohne Verständnis des Gefühls, das sich aus dem neuen Raumsinn und dem neuen Interesse an Struktur und ebenen Flächen entwickelt hatte, zerfallen die Studien des Bauhauses in Stücke.“ An anderer Stelle heißt es: „Der Einfluß der de Stijl Gruppe auf das Bauhaus – gleichermaßen über- wie unterschätzt – bezog sich auf die ästhetische Auffassung der Probleme und die Betonung ihrer Grundelemente und Grundbeziehungen.“

 

Diese mannigfachen Einflüsse lassen es uns verständlich werden, weshalb Marcel Breuer neben seinen vorbildlichen funktionalistischen Stahlrohrstühlen konstruktivistische Stühle schuf, die jenen von Rietveld zum Verwechseln ähneln (s. Abb.). Sie erklären, weshalb am Bauhaus neben funktionalistischen Arbeitsleuchten konstruktivistische Lichtskulpturen (zum Beispiel Gropius-Entwürfe, s. Abb.) entstanden, wie sie bereits Rietveld vorgestellt hatte.

 

Die Kritik stellt sich aber selbst ein Bein, wenn sie den vom Bauhaus auf weiten Gebieten proklamierten Funktionalismus mit dem auch im Bauhaus praktizierten Konstruktivismus verwechselt, der, soweit er sich an Erzeugnissen des Gebrauchs dokumentiert, im Grunde die Bemühungen und Entwicklungen im Bereich der Malerei und Plastik widerspiegelt (s. Abb.). Die Konstruktivisten versuchten schlußendlich, sich von tradierten Vorstellungen zu befreien und Bilder, Plastiken, Bauten und Gegenstände des Gebrauchs aus einfachen, aber durchaus komplex angeordneten Elementen aufzubauen. Dabei nahmen sie wenig Rücksicht, sofern es sich um Dinge des Gebrauchs handelte, auf Funktionen verschiedenster Art. An ihre Adresse gerichtet ist die Kritik an den berühmten als geometrische Skulpturen ausgebildeten Rietveld- und Gropius-Leuchten in bezug auf völlige Vernachlässigung des Blendungsfaktors und auf ihre afunktionelle Anordnung, wie sie Banham vorbringt, völlig berechtigt und gegenstandslos zugleich. Abgesehen davon, daß es weitaus früher wesentlich fortgeschrittenere Konzeptionen im Hinblick auf die Anwendung von künstlichem Licht gab, wie Banham nachweist, dürften gewisse Erkenntnisse der Arbeitswissenschaften bereits vorgelegen haben (Taylor, Gilbreth; REFA wurde immerhin 1924 gegründet). Für die Konstruktivisten waren sie belanglos.

 

Wenn wir im obigen auch Konstruktivismus und Funktionalismus gegeneinander abgegrenzt haben, so lassen sich doch zwei Aspekte nicht unterschlagen:

 

1. Eine Reihe der bedeutendsten Funktionalisten waren zugleich führende Vertreter des Konstruktivismus. Und 2., wie die Konstruktivisten so haben auch die Funktionalisten die Ästhetik des rechten Winkels und der geometrischen Grundformen sowie ihre Komposition im Bereich der Architektur und des Industrial Design zum Dogma erhoben und ihm eine Reihe subjektiver und objektiver Bedürfnisse des Menschen rücksichtslos untergeordnet. Im Gegensatz zu den Konstruktivisten bedurften sie dazu eines Vorwandes, einer Legitimation; sie hieß – unter anderem: Herstellungsgerechtigkeit

 

 

Die ideologische Falle 

Das Bauhaus war ganz offensichtlich der Auffassung, die Öffentlichkeit müsse die neue Formenwelt, die „neue Sachlichkeit“, den „Sachstil“ akzeptieren, da sie einzig und allein dem neuen Zeitalter, der Epoche adäquat sei. Banham kommt zu ähnlichen Feststellungen. Diese Überzeugung hat sich nicht bewahrheitet, doch ist hier ihr ideologischer Gehalt erkennbar. Man projizierte eigenes Verhalten und ästhetische Präferenzen auf den Verbraucher. Man stellte sich ihn, wie schon Adolf Loos, als einen modernen Menschen vor, der latent für die neue Formenwelt aufgeschlossen sei und nur eben mit dieser Welt konfrontiert zu werden brauche, um sie zu bejahen. Was die Zeitgenossen in Deutschland dann schließlich bejahten, war etwas anders geartet und hieß: Machtarchitektur außen und kleinbürgerlicher Plüsch innen, verbrämt mit nationalsozialistischem Realismus.

Abgesehen davon, daß es sich mehr als schwierig erwies, die Grundlagen dieser neuen Formensprache oder, wenn man so will, Ästhetik verständlich zu formulieren, erwies sich auch die Annahme als naiv, daß, wenn man dem Menschen nur hinreichend Gelegenheit zum Umgang mit diesen neuen Formen gäbe, man ihn gleichsam dahingehend konditionieren könne, daß er fortan nur noch eine solche Umwelt für erstrebenswert hält. Anders ausgedrückt: Umgib den Menschen mit Dingen, deren Erscheinungsbild in ihrer ästhetischen Qualität der Höhe der Zeit entspricht, dann wird er von sich aus das Bedürfnis entwickeln, sich nur noch mit solchen Produkten zu umgeben. Ein Irrglaube, wie sich zeigte, der aber heute noch durch so manche Sonderschau geistert.

Wie zu ersehen ist, kann man den Funktionalisten, denen wir freilich beste Absichten unterstellen müssen, den Vorwurf, inhuman gehandelt zu haben, nicht ganz ersparen. Es mag sein, daß es vor 1914 Umweltkonzeptionen gab, die den Bedürfnissen des Menschen besser entsprachen als die des Bauhauses und sich also humaner ausnahmen. Aber: Der vom Bauhaus kommende Funktionalismus war nicht etwa per se inhuman, sondern gründete auf einer Ideologie, innerhalb der die Rangordnung der Wertigkeiten allzu starr festgelegt war.

Zusammenfassend umreißt Marcel Brion [10: Marcel Brion: „Geschichte der abstrakten Kunst“; Verlag M. DuMont Schauberg, Köln, 1960] diese Ideologie wie folgt: „In der Ideologie der de Stijl-Bewegung lag eine sehr reale und sehr deutliche soziale Botschaft. Van Doesburg und Mondrian fühlten sich, wie sie selber sagten, als die Konstrukteure eines neuen Lebens. Es ging ihnen nicht um den egoistischen Genuß eines rein individuellen Kunstwerks, sondern um die Schaffung ganz neuer Formen von Schönheit, die imstande sein sollten, das Gemeinschaftsleben zu durchdringen und zu inspirieren. Die Ideen der de Stijl-Bewegung treffen darin mit denen des Bauhauses zusammen, das ebenfalls die radikale Umwandlung der gesamten Kunst in allen ihren Bereichen anstrebte, nicht nur in der freien, sondern auch in den angewandten Künsten.“ Ein Programm, dem Teilerfolge beschieden waren.

 

Revision 

Opas Funktionalismus ist also tot, doch spricht man noch darüber. Überdauert hat bislang der erweiterte Funktionalismus, also jene Gestaltungsauffassung, deren Vertreter sich bemühen, möglichst viele produktbestimmende Faktoren ausfindig zu machen und zu berücksichtigen. Funktionalisten dieser Provenienz haben mit der derzeitigen Gesellschaft, die erst teilweise eine Überflußgesellschaft ist, einen Kompromiß geschlossen und stehen in vorderster Schußlinie.

Hat der (erweiterte) Funktionalismus überhaupt noch Chancen? Dazu Theodor W. Adorno: „Die Zukunft von Sachlichkeit ist nur dann eine der Freiheit, wenn sie des barbarischen Zugriffs sich entledigt: nicht länger den Menschen, deren Bedürfnis sie zu ihrem Maßstab erklärt, durch spitze Kanten, karg kalkulierte Zimmer, Treppen und ähnliches sadistische Stöße zu versetzen.“ Nun, der dem erweiterten Funktionalismus verpflichtete Gestalter plädiert gewiß nicht für Minimallösungen im obigen Sinne. Aber die Aussichten, die ihm Adorno eröffnet, wird er skeptisch beurteilen müssen. „Die Frage des Funktionalismus“, so Adorno, „ist die nach Subordination unter die Nützlichkeit. Fraglos ist das Unnütze angefressen. Der Entwicklungsgang hat seine immanente ästhetische Unzulänglichkeit zutage gefördert.“

Daß das Unnütze angefressen sei, ist so fraglos nicht. Auf dem Gebiet der Konsumgüter etwa kommt der Industrial Designer, der dem erweiterten Funktionalismus anhängt, mit seiner Gestaltungsauffassung, die eine puritanische Komponente birgt, mehr und mehr in Konflikt. Es überrascht folglich nicht, wenn er in immer stärkerem Maße in die Investitionsgüterindustrie abwandert und das Feld des Gebrauchsgutes Stylisten der verschiedensten Schattierungen überläßt. Die Bereicherung, die die Investitionsgüterindustrie so erfährt, erweist sich zum Teil jedoch als Defizit bei Konsumgütern und ihrer „ästhetischen Unzulänglichkeiten“.

Moles rät zum Überdenken, zum Definieren eines Funktionalismus der Überflußgesellschaft. Adorno scheint ihm darin beizupflichten, als er seinen Vortrag vor dem Deutschen Werkbund mit den Worten schloß: „Ästhetisches Denken heute müßte, indem es Kunst denkt, über sie hinausgehen und damit auch über den geronnenen Gegensatz des Zweckvollen und Zweckfreien, an dem der Produzierende nicht weniger leidet als der Betrachter.“