Nº 284
Focus:

Läuft bei uns

Text: Ingo Müller

Design im Osten Deutschlands. Das ruft zunächst zwei Assoziationen hervor. Beide haben vermeintlich mehr mit Erinnerungskulturen zu tun, als mit dem Status quo.

Im 100. Jubiläumsjahr ist zum einen das Bauhaus in aller Munde. Mit Museumsneubauten, Ausstellungen und Konferenzen – und immerhin ohne Gropius-Playmobilfigur, wie zuletzt beim Luther-Jubiläum zu beobachten – wird fleißig die Tradition manifestiert. Und zum anderen zeigt sich ein verstärktes Interesse an Formgestaltung aus der DDR, wie aktuell mit der Wiederentdeckung des 90-jährigen Möbeldesigners und Professors für Design Rudolf Horn und Ehrung mit einer Ausstellung im Schloss Pillnitz in Dresden. Der DDR-Designdiskurs findet meist im Kontext kulturpolitischer und planungswirtschaftlicher Zwänge statt, beinhaltet aber in Bezug zur heutigen Nachhaltigkeitsdebatte auch Aspekte wie Langlebigkeit oder Reparaturfähigkeit. Wie Bauhaus-Moderne und DDR-Design auch zusammenhängen, beleuchten das Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR und das Harzmuseum Wernigerode in Sonderausstellungen. Richten wir aber einmal den Blick auf die aktuelle Situation der Designbranche in den gar nicht mehr so neuen Bundesländern.



 

Die Frage nach ostdeutschem Design sollte keine Suche nach einer typischen Identität oder einer homogenen Zuschreibung sein, sondern einfach ein Blick auf die Situation einer Region, die gut 40 Jahre lang DDR hieß und seit fast 30 Jahren Teil der Bundesrepublik Deutschland ist. Der Systemwechsel und der folgende wirtschaftliche Zusammen- und Umbruch schlug sich auch in der Gestaltungsbranche nieder. Betriebliche Gestaltungsateliers verloren im Zuge des Wegbrechens ganzer Industriezweige ihre Arbeitsgrundlage. Nur sehr wenige Unternehmen konnten sich nach der Wende neu aufstellen, beispielsweise die namhaften Deutschen Werkstätten Hellerau in Dresden oder die auf Käthe Kruse zurückgehende Kösener Spielzeug Manufaktur. Hie und da wurde ein Markenrelaunch wie beim Zeha-Sneaker gewagt. Die heute agierenden Designunternehmen wurden alle nach der Wiedervereinigung gegründet. Deren Entwicklung ist an die allgemeine Wirtschaftsleistung gekoppelt und „der Osten“ liegt 30 Jahre nach dem Mauerfall immer noch nicht auf einer Höhe mit dem Westniveau.

International bekannte Namen und große Agenturen findet man eher selten. Ein paar Beispiele seien genannt: Die mit mehr als 40 Designpreisen dekorierte Barbara Schmidt, die das klassische Porzellanservice zerschlagen und der Thüringer Porzellanmanufaktur Kahla damit zu neuem Erfolg verholfen hat. Das bereits 1990 gegründete Atelier Papenfuss aus Weimar mit heute über 20 Mitarbeitern und einem breiten Portfolio. Schließlich im Bereich der Kommunikationsagenturen die Zebra Group in Chemnitz und Dresden mit über 100 Angestellten. Allein Berlin würde zwar als Epizentrum der Region viele Designzeitschriften füllen, darf aber ausnahmsweise an dieser Stelle außen vor bleiben.

Die Politik hat mit der Entdeckung der Kultur- und Kreativwirtschaft auch die Designwirtschaft zunächst in Zahlen gegossen. Demnach gehört die Designbranche auch im Osten Deutschlands zu den umsatz- und beschäftigungsstärksten Teilmärkten in der Kreativwirtschaft und ist insgesamt gesehen ein Wachstumsmarkt. Aufgrund unterschiedlich alter Studien und verschiedener Erfassungsformen der einzelnen Bundesländer kann die Anzahl der Designunternehmen in Ostdeutschland nur geschätzt und mit über 4.000 beziffert werden. Die Zahl der Erwerbstätigen liegt bei mindestens 12.000. Die Mehrzahl der Unternehmen sind Solo-Selbstständige oder haben ein bis zwei Beschäftigte. Charakteristisch ist auch die hohe Dichte an Kleinunternehmern und Freiberuflern. Zahlreiche geringfügig Beschäftigte ergänzen das Puzzle. Das Kommunikationsdesign im weitesten Sinne ist deutlich die am stärksten vertretene Teilbranche. Eine weitere Besonderheit ist, dass das Wachstum der Unternehmen meist ohne Risikokapital oder Kredite vonstattengeht. Die typischen urbanen Konzentrationen in Leipzig und Dresden, aber auch in Halle und Chemnitz bieten nach wie vor vergleichsweise günstige Mieten und Lebenshaltungskosten. Dieser klare Standortvorteil hält den Osten Deutschlands für junge Kreative attraktiv. Nicht jeden zieht es in die Großstadt, und die Möglichkeiten der Glokalisierung (Globalisierung und Lokalisierung) und Digitalisierung erlauben es, abseits großer Zentren zu arbeiten, soweit die Infrastruktur steht.



 

Da besonders der ländliche Raum vor großen demografischen Herausforderungen steht, stellen sich auch hier wichtige Fragen der Gestaltung und bieten sich Designern neue Tätigkeitsfelder. Als Beispiele seien das Projekt „Kreative Pioniere in ländlichen Räumen“ in Mecklenburg-Vorpommern sowie das Programm „TRAFO – Modelle für Kultur im Wandel“ der Kulturstiftung des Bundes und das Wendlandlabor im ehemaligen westlichen Zonenrandgebiet genannt. Auch für den Strukturwandel durch den Kohleausstieg müssen neue Wege für den gesellschaftlichen Zusammenhalt entwickelt werden, wie es die diesjährige Spring School des Kompetenzzentrums Soziale Innovation in Ferropolis tat.

Eine traditionsreiche und renommierte Hochschullandschaft bildet sehr gute Designer aus, von denen nach ihrem Studium noch mehr vor Ort bleiben müssten. Die Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle, eine der größten und am besten ausgestatteten Kunsthochschulen Deutschlands, betreibt seit 2010 hierzu ein Existenzgründerzentrum. Das Designhaus Halle bietet optimale Startbedingungen inklusive Beratung, Weiterbildung, Mentoring, Netzwerk und Werkstätten, um junge Selbstständige in Sachsen-Anhalt zu halten. Designstudios wie Büro für Sinn und Unsinn (Spiel- und Lerndesign), Prefrontal Cortex (VR, AR) und Loeserbettels (Interior und Fashion) können dort ihre Geschäftsmodelle entwickeln. Ehemalige Mieter wie Julica Design oder das Modelabel Luxaa sind erfolgreich in der Region geblieben. Auch die Thüringer Gründerwerkstatt Neudeli der Bauhaus-Universität Weimar unterstützt erfolgreich Gründungsinteressierte.

Die teilweise sehr spezialisierte und tradierte Ausbildungslandschaft hält eine (kunst-)handwerkliche Gestaltungskultur lebendig. Von der Fakultät Angewandte Kunst Schneeberg kommen beispielsweise Musikinstrumentenbauer mit hoher gestalterischer Kompetenz. Entwicklungen hin zu mehr Nachhaltigkeit, Individualität und der Wunsch nach Unverwechselbarkeit lassen kreative Keimzellen wieder hoch im Kurs stehen. So geht auch für zahlreiche qualitativ sehr hochwertige Keramik- und Porzellanwerkstätten, Schmuckdesigner und Buchkünstler im Osten die Sonne auf. Auch die Volkskunst dient manchem als Inspiration für eine Verbindung von Tradition und Innovation. Schmuckdesignerin Nicole Bauer ließ sich von der Plauener Spitze inspirieren, das Label Lumenqi nutzt die Holzverarbeitungstradition des Erzgebirges zur Produktion zeitloser Holzunikate und Sarah Gwiszcz kombiniert sorbische Trachten und moderne Mode.

Was braucht es noch für eine weitere Entwicklung der Potenziale? Hinsichtlich der Erprobung neuer Materialien und Techniken bietet eine vielfältige Forschungslandschaft mit zahlreichen außeruniversitären Forschungsgemeinschaften beste Chancen, noch zukunftsfähiger zu werden. Hier gilt es noch viel stärker Kooperationen an der Schnittstelle zwischen Design und Wissenschaft aufzubauen, wie etwa mit der SYN Stiftung angeregt. Eine kleinteilige Wirtschaftsstruktur erfordert eine angepasste Marktpositionierung der Designer, wenn sie nicht nur überregional und international Kunden finden wollen. Klein- und mittelständischen Unternehmen muss der Wettbewerbsvorteil durch gute Gestaltung oft erst vermittelt werden. Eine der brennenden Hauptaufgaben für Designer ist daher die Kommunikation der eigenen Arbeit und deren Übersetzung für das regional produzierende Gewerbe. Nur dann wird letztlich auch die Bezahlung stimmen.



 

Um ein besseres Designverständnis aufzubauen, muss auch der Austausch zwischen Wirtschaft und Politik intensiviert werden. Förderstrukturen, Weiterbildungen und Kreativraumförderung müssen fortgeführt und dialogorientiert, noch stärker an die Bedürfnisse der Kreativen, angepasst werden. Dazu braucht es mehr Netzwerke für bessere Lobbyarbeit. Mehr Gemeinsamkeit und überregionale Sichtbarkeit ist wünschenswert. Die Designers’ Open als wahrscheinlich größte regionale Designmesse braucht eine klarere Positionierung und die Designpreise der Länder und weitere Gestaltungswettbewerbe wie etwa der Marianne Brandt Wettbewerb verdienen mehr Aufmerksamkeit.

Zeitgenössisches Design im Osten Deutschlands ist ohne die eingangs erwähnten historischen Assoziationen meist nicht vollständig zu verstehen, und dieses Erbe zusammen mit dem gestalterischen Know-how dieser Region bieten lohnenswerte Chancen und Alleinstellungsmerkmale, weiter eine tragfähige Zukunft zu gestalten.



Vorliegender Text wurde vom Autor in geschlechtergerechter Sprache verfasst. Auch wenn wir dies inhaltlich nachvollziehen, halten wir alle bisherigen diesbezüglichen Lösungen für nicht konsistent. In der Redaktion haben wir deshalb entschieden, zugunsten des Leseflusses weiterhin das generische Maskulinum zu verwenden.

 

Ingo Müller (geboren 1972 in Rheinfelden/Baden) ist Kulturwissenschaftler, Amerikanist und PR-Berater. Seit 2008 leitet er den Career Service der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle und seit 2007 betreibt er berlindesignblog.de. Er lebt in Berlin und Halle (Saale).

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Region of Design – Germany’s East

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