Nº 283
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Pose

Text: Anton Rahlwes

Die aufwendig produzierte Netflix-Originals-Serie „Pose“ spielt im New York der 1980er-Jahre. Weiße Vorstädter strömen in die Hochhäuser Manhattans.

Deren mit Gold und Marmor ausgestatteten Lobbys sind das Aufmarschgebiet für Zweireiher tragende Männer, die sich skrupellos den Weg an die Spitze der Gesellschaft bahnen. Sie leben den American Dream während (ihre) Frauen mit makellos toupierten Föhnfrisuren in ihren großzügig ausgestatteten Domizilen sitzen und zusehends vereinsamen.



 

Im Verlauf der Handlung wird klar, wie rigoros die optischen Parameter im Wertekosmos der Ballrooms sind. Als Symbole echter Weiblichkeit gelten ein üppiger Busen, eine schmale Taille und ein großer Hintern. Wer diese Merkmale nicht aufweist, braucht in der Kategorie „Femme Queen Realness“ erst gar nicht den Versuch zu wagen, sich zur Wahl zu stellen. Hier beißt sich aus heutiger Sicht die Katze in den Schwanz, da die eindeutige Zuordnung von weiblichen und männlichen Attributen des Aussehens längst als Faktor der Diskriminierungsdynamik erkannt wurde. Trotzdem schafft es „Pose“ trefflich, auch dieses Thema elegant und doch schmerzhaft anzureißen. Blanca, die Hauptperson und Leitfigur der Serie, lässt sich in einer Folge ungeniert in einer Schwulenbar nieder und wird von der rein männlich aussehenden Community zunächst gebeten, die Bar zu verlassen und später dann, als sie sich weigert, gewaltsam aus der Lokalität entfernt.

Wie sehr die Gesellschaft ausschließlich die Oberflächen bewertet und wie sehr Einzelne darunter leiden, das stellt „Pose“ großartig dar. Die Serie bietet Einblick in eine Community von Ausgestoßenen, mit denen die meisten Menschen im eigenen Alltag niemals Kontakt haben werden. Der Zugang zu dieser Welt wird nur von Menschen gesucht und gefunden, die auf sie angewiesen sind. „Pose“ reißt viele wichtige Themen an, neben Trans- und Homosexualität sowie Diskriminierung auch weitere gesellschaftliche Umstände und Einflüsse der jüngsten Vergangenheit. So wird beispielsweise immer wieder die in den 1980er-Jahren aufkommende Aids-Epidemie thematisiert – deren Betroffene von der Mehrheitsgesellschaft bis heute oftmals als „von Gott zurecht bestraft“ diffamiert werden.

„Pose“ ist empathisch und klug, eine Serie, die dazu anregt, den eigenen Horizont zu erweitern, Seh- und Denkgewohnheiten zu hinterfragen, um sich dann darüber klar zu werden, wie privilegiert das eigene Leben unter Umständen verläuft. Trotzdem hebt „Pose“ nicht einfach den moralischen Zeigefinger. Der künstlerische Ausdruck wird zum Katalysator der Lebensfreude und zum Ausdruck gegenseitiger (Selbst-)Liebe. Eine Liebe, die uns alle verbindet, und zwar über jegliche Oberflächlichkeit hinweg. Zurecht gelobt wird die Serie auch für die konsequente Besetzung der Rollen mit überwiegend transsexuellen Darstellern, die hauptsächlich afroamerikanische oder lateinamerikanische Wurzeln haben.

Die Botschaft ist klar: Langfristig sollte nicht das Aussehen selbst verändert werden, sondern die Denk- und Sehgewohnheiten, die dieses bewerten. Design kann hier die vermittelnde Disziplin sein, die Beziehungen neu definiert, das Denken neu strukturiert und sich so von der reinen Oberflächlichkeit emanzipiert. Natürlich lebt „Pose“ auch von der Inszenierung, ist die Serie doch nur eine idealisierte Darstellung von Beziehungen und Menschen, deren wirkliches Schicksal mit Sicherheit nicht wie in einer Serie verlief. Trotzdem öffnet „Pose“ Räume und wie bei den Protagonisten muss man auch bei der Beurteilung der Serie unter die glänzende Oberfläche schauen, um ihre Intelligenz und frappierende Aktualität zu erkennen.

 

Creators: Steven Canals, Brad Falchuk, Ryan Murphy

Cast inter alia: Mj Rodriguez as Blanca Rodriguez-Evangelista, Dominique Jackson as Elektra Abundance, Billy Porter as Pray Tell, Ryan Jamaal Swain as Damon Richards-Evangelista

First season consisting of eight episodes was released on Netflix at 3 June 2018 (US), 31 January 2019 (DE). The second season was released at 11 June 2019 (US).

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