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Designer gegen Aids

Text: Johanna Christner

Kaum eine andere Krankheit war in den 1980er-Jahren in den Medien so präsent wie das Acquired Immune Deficiency Syndrome, kurz Aids. Im Jahr 2017 lebten weltweit rund 37 Millionen Menschen mit HIV.

Dank Kombinationstherapien bedeutet „positiv leben“ mittlerweile nicht mehr nur zu überleben, sondern auch weitgehend beschwerdefrei zu leben. Eine wirksame Impfung gibt es allerdings nach wie vor nicht – jährlich fordert die Krankheit circa zwei Millionen Tote. Der Kampf gegen die Krankheit vollzieht sich daher – neben der Suche nach einem wirksamen Impfstoff – vor allem auf dem Gebiet der Prävention und in Maßnahmen gegen die Diskriminierung, mit der Betroffene oftmals zu kämpfen haben. Inwiefern sich der Bereich der Gestaltung diesem Thema annimmt, stellen wir exemplarisch in den folgenden Projekten vor.



 

Aids.Center

shuka.design

spid.center

 

Laut der Bundeszentrale für politische Bildung sind über 1,8 Millionen Menschen in Russland mit HIV infiziert – Tendenz steigend. Der Staat hält sich mit Prävention durch Aufklärungsarbeit zurück und predigt stattdessen Enthaltsamkeit und Treue. Lediglich zwischen 17 und 26 Prozent der Infizierten haben Zugang zu antiretroviralen Therapien. Ein Prozentsatz, der deutlich unter dem weltweiten Durchschnitt von 46 Prozent liegt. Eine der NGOs, die Betroffenen abseits von Diskriminierungen eine Anlaufstelle bietet, ist das Aids Center Moskau, das vom Journalisten Anton Krasovsky geleitet wird. Das Moskauer Branding- und Designbüro Shuka Design lieferte der NGO jüngst einen neuen Markenauftritt. Das unter kreativer Leitung von Ivan Velichko entstandene Design von Ekaterina Sedunova und Mary Yudina ist dabei sowohl an das Symbol der roten Schleife als auch an ein Gemälde von Kusma Petrow-Wodkin angelehnt. Das dargestellte rote Pferd steht stellvertretend für den Kampf gegen den Tod, der von den Reitern unter Kontrolle gebracht wird. Die Figuren sind dabei so divers wie die Betroffenen selbst; doch sie alle eint eins – der Kampf gegen die Krankheit Aids.



 

Share the Love

rodhunt.com

aides.org

 

Nach dem Tod seines Lebensgefährten, des französischen Philosophen Michel Foucault, gründete Daniel Defert im Jahr 1984 Aides, die mit rund 100 Standorten heute Frankreichs größte HIV-Selbsthilfeorganisation ist. Eine der aktuellen Kampagnen ist „Share the Love“. Die Kampagne, die von der Agentur TBWA Paris konzipiert wurde und aus der Feder von Illustrator Rod Hunt stammt, richtete sich unter dem Slogan „Share the love but protect yourself, even when dating online“ in erster Linie an Nutzer von Dating-Portalen und machte sich die Viralität von Twitter zunutze. Unter dem Hashtag #sharethelove sorgten Bildausschnitte eines großen Wimmelbildes mit ihren expliziten Inhalten für Aufmerksamkeit. Immer wieder wurden diese von einem mysteriösen Account namens Henry Ian Vernon geteilt – eine Aufschlüsselung des Akronyms HIV. Wer eines der Bilder auf seinem Account teilte, erhielt eine Nachricht, in der die Viralität der Tweets mit einer Infizierung mit HIV verglichen und dazu aufgefordert wurde, sich zu schützen. Die Kampagne zeigte Wirkung: zehntausende Retweets und Kommentare auf Twitter, außerdem mehrfache Auszeichnungen bei den diesjährigen Cannes Lions.

 



 

Catch

hansramzan.com

 

Wie bei vielen lebensbedrohlichen Infektionen gilt auch für Aids: Wird das Virus frühzeitig erkannt, so ist es durchaus behandelbar und stellt noch lange kein Todesurteil dar. Das Gerät Catch des britischen Industriedesigners Hans Ramzan liefert möglicherweise Betroffenen einen Schnelltest. Dieser Selbsttest umfasst drei Schritte und richtet sich mit Herstellungskosten von lediglich vier Pfund vor allem an Menschen in Entwicklungsländern mit beschränktem Zugang zu Gesundheitseinrichtungen. Zunächst muss eine desinfizierte Schlaufe über den Finger gezogen werden. Eine auf dem Gerät angebrachte Pipette muss im Anschluss heruntergedrückt werden, wodurch die daran gekoppelte Nadel den Nutzer in die Fingerkuppe sticht. Das Blut wird vom Gerät aufgefangen, auf das Virus geprüft und das Ergebnis des Schnelltests Minuten später – ähnlich einem Schwangerschaftstest – anhand von Strichen angezeigt. Catch wartet derzeit noch auf die größer angelegte Produktion. Seit Oktober 2018 stehen Schnelltests dieser Art bereits in Apotheken in Deutschland zum freien Verkauf.

 



 

DIFFA

diffa.org

 

Die US-amerikanische Gesundheitsbehörde berichtete erstmals im Sommer 1981 von der damals noch namenlosen Krankheit Aids. Vor allem in Großstädten wie New York und San Francisco forderte Aids immer mehr Leben, dementsprechend früh begann in den Vereinigten Staaten der Kampf gegen die Krankheit wie die Gründung der Design Industries Foundation Fighting Aids, kurz DIFFA, im Jahr 1984 zeigt. Durch jährlich stattfindende Wohltätigkeitsveranstaltungen wie Dining by Design und Picnic by Design mobilisiert die Stiftung Tausende von Menschen aus der Designindustrie und unterstützt mit den Erlösen Organisationen im Kampf gegen HIV. Wir haben mit Dawn Roberson, der Geschäftsführerin von DIFFA über ihre Arbeit gesprochen.

 

 

Wie kam es zur Gründung von DIFFA?

 

DIFFA wurde vor mehr als 30 Jahren von einem zwölfköpfigen Designerteam in New York gegründet. Unter der Leitung von Patricia Green und Larry Pond machte man es sich zur Aufgabe, die wachsende Krise um die zu diesem Zeitpunkt noch namenlose Krankheit zu bewältigen. Aus dieser Graswurzelorganisation ist inzwischen eine nationale Stiftung mit Verbänden und Partnern im ganzen Land geworden, die mehr als 43 Millionen US-Dollar für Hunderte von HIV-/Aids-Organisationen weltweit sammeln konnte.

 

 

Warum ist es gerade die Designindustrie, die sich, wie im Fall der DIFFA, im Kampf gegen HIV so engagiert einsetzt?

 

HIV hat sich erheblich auf die Designindustrie ausgewirkt – wir haben Freunde und Kollegen in diesem Kampf verloren. Wir kämpfen daher auch mehr als 30 Jahre nach der Gründung unserer Stiftung für eine Welt ohne HIV und Aids. Heute leben mehr als 1,1 Millionen Menschen in den USA mit dem Virus, 13 Prozent von ihnen wissen nichts davon. Aids ist eine Krankheit, die Bevölkerungsgruppen weltweit und insbesondere Gruppen am Rande der Gesellschaft betrifft. Und Designschaffende haben sowohl die Plattform als auch die Ressourcen, um in diesem Kampf etwas zu bewegen.

 

 

Was ist Ihre Vision für die Zukunft?

 

Unsere Stiftung fördert eine Vielfalt an Organisationen – von solchen, die präventive Aufklärungsarbeit leisten und sich um gefährdete Jugendliche kümmern bis hin zu solchen, die HIV-infizierte Senioren unterstützen. Wir möchten die Botschaft um unsere Stiftung und unsere Arbeit verbreiten und hoffen, dass durch unsere Unterstützung den Organisationen dabei geholfen werden kann, Menschen zu ermutigen, sich testen und behandeln zu lassen. Unser Ziel ist es, eine Generation ohne Aids miterleben zu dürfen.

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