Nº 280
Focus:

Ein Manifest für die Rechte der Dinge

Text: Marjanne van Helvert
Übersetzung: Jessica Krejci

Viele Menschen sind stolz auf die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. 1948 verfasst und damals von 48 der 58 Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen ratifiziert, gilt sie als Meilenstein der menschlichen Zivilisation.

Von da an gab es eine Blaupause dafür, was es bedeutet, Mensch zu sein, und für die Lebensqualität, nach der alle Menschen streben sollten – für sich selbst und füreinander. Die Erklärung der Menschenrechte ist ein Fortschrittsversprechen und vermittelt vielen Menschen das Gefühl, dass es nach ihrer Anerkennung durch so viele Nationen kein Zurück mehr gibt. Trotzdem bleiben heutzutage immer noch weltweit den meisten Menschen einige – oder sehr viele – dieser Rechte verwehrt.



 

Die Erklärung der Menschenrechte vermittelt den Menschen nicht nur, dass es vorrangeht und besser wird, sondern gibt ihnen das Gefühl, tatsächlich menschlich zu sein. Menschen aus aller Welt und über die verschiedenen institutionalisierten Hierarchien der Unterdrückung hinweg (wie Geschlecht, Ethnie, Hautfarbe, gesellschaftliche Schicht, Sexualität, Religion etc.) verschmelzen zu einer Utopie der Gleichheit. Sie haben die gleichen Rechte, weil sie alle Mitglieder derselben Spezies und mit der gleichen Fähigkeit ausgestattet sind, Glück, Schmerz und Leid zu empfinden und aus diesem Grund auch das gleiche Recht auf Wohlergehen haben. Der wichtigste Teil ihrer Identität hat nichts damit zu tun, ob sie männlich oder weiblich sind, dunkel- oder hellhäutig, reich oder arm, sondern einzig und allein damit, dass sie Menschen sind. Sie sind kein Reptil, keine Maschine und kein Stein; alles Kategorien, die einfach ausgeschlossen werden können, wenn man einem Menschen gegenübersteht. Somit unterscheidet die Erklärung der Menschenrechte Menschen kategorisch von anderen Entitäten wie Tieren, Pflanzen, Steinen, Ozeanen, Ökosystemen, Gasen, Planeten oder Galaxien, aber auch von Autos, Robotern, Städten, Telefonen, Jeans oder Füllfederhaltern. Darüber hinaus stellt es den Menschen und sein Wohl über das aller anderen Entitäten. Das Wohlergehen eines einzelnen Menschen wird für wichtiger erachtet, als das eines Schweins oder Baums (beide lebendig), des Meers oder Planeten (nicht lebendig?) oder eines Roboters oder einer Teekanne (definitiv nicht lebendig). Solche Erklärungen der allgemeinen Rechte gibt es – außer in der Science-Fiction – nur für Menschen. Nicht-Menschen sind schon per Definition von den Menschenrechten ausgeschlossen.



 

Ein freies Tier ist ein glückliches Tier 

Die Definition der Rechte des Menschen schließt gleichzeitig alle anderen Entitäten aus. Bedeutet das, dass man sie kategorisieren und ihre Rechte auch berücksichtigen muss? Aktivisten fordern beispielsweise Tierrechte – wobei sie sich auf alle Tiere außer den Menschen beziehen. Bisher gibt es noch keine allgemeine Erklärung der Tierrechte. Dies scheint für Menschen eine niedrigere Priorität zu haben als Menschenrechte; denn sie erachten das Wohlergehen von Menschen als dringlicher als das von Tieren. Allerdings wächst auch das Bewusstsein (unter anderem der fortschreitenden Forschung und wissenschaftlichen Erkenntnissen geschuldet) für die Fähigkeit von Tieren, Freude, Schmerz und Leid auf eine Art und Weise zu empfinden, die uns Menschen viel ähnlicher ist, als lange vermutet. Mit anderen Worten: Menschen erkennen immer mehr, dass das Wohlergehen von Tieren aufgrund ihrer Fähigkeit, Emotionen zu empfinden, von Menschen mehr beachtet werden sollte. Und da die meisten Tiere diese Forderung nicht auf eine uns Menschen verständliche Art und Weise kommunizieren können, haben es sich bestimmte Menschen zur Aufgabe gemacht, mögliche Nöte und Wünsche für sie zu formulieren. Einige dieser Forderungen sind bereits zu nationalen Gesetzen geworden, beispielsweise gegen Tierquälerei. Allerdings scheint etwas, das auch nur im Entferntesten einer allgemeinen Erklärung der Tierrechte nahekommen könnte, undenkbar. So schwierig es auch war (und bleibt), die Gleichheit und damit auch die Gleichberechtigung von Menschen anzuerkennen, umso schwieriger wäre die Aufgabe, diese Gleichheit auf Tiere zu übertragen. Mit dieser Aufgabe würden wir eine weitere Sprosse auf der taxonomischen Leiter von Linné erklimmen, auf der wir uns selbst inmitten einer unendlichen Vielfalt an Spezies im Tierreich wiederfinden, die alle unterschiedliche Eigenschaften, Bedürfnisse und Fähigkeiten aufweisen. Denn ein Delfin hat vermutlich andere Bedürfnisse als ein Käfer. Wir müssten also für jede einzelne Tierart eine allgemeine Erklärung der Tierrechte erstellen, um allen spezifischen Bedürfnissen gerecht werden zu können. Können wir Menschen uns diese überhaupt vorstellen? Haben manche Tiere komplexere Wünsche als andere? Können diese komplexer sein, als unsere eigenen? So wird das Konzept der allgemeinen Menschenrechte ein Werkzeug zur Kategorisierung und Hierarchisierung von allem Nicht-Menschlichen.



 

Bäume gedeihen im Familienverbund

Wo einmal die Vorstellung eines Fischs mit Gefühlen lächerlich erschien, untersuchen heute Forscher das soziale Leben von Bäumen. Laut neuester Erkenntnisse teilen diese sich tatsächlich komplizierte Netzwerke zur Nährstoffverteilung, Temperaturkontrolle und der Aufzucht ihres Nachwuchses. Bäume gedeihen besser in eng gestrickten Gemeinschaften, als alleine. Diese Art der Forschung wird sich vermutlich auch auf andere Pflanzenarten ausweiten sowie auf Pilze, Bakterien oder andere Organismen. Mit unserem Verständnis des Lebens auf der Erde in all seinen Formen wächst auch unsere Empathie für andere lebendige Dinge. Menschen erkennen etwas von sich selbst in anderen Organismen wieder. Wir sitzen im selben Boot und fühlen uns auf dem Weg durch ein beschwerliches Leben verbunden. Eine allgemeine Erklärung für die Rechte von Organismen könnte zu einem glücklicheren Leben führen.

 

 

Ist es lebendig? (Und ist das überhaupt wichtig?)

Menschen sinnieren schon lange über diese Frage und haben verschiedene Definitionen dafür gefunden. Sobald eine Definition des Lebens erdacht wurde, entstand durch den Ausschluss auch automatisch eine Kategorie des Nicht-Lebens. Und so auch Forderungen nach Rechten. Die Rechte von Ökosystemen, Flüssen, Stürmen, Ozeanen oder fossilen Brennstoffen wurden im Laufe der Zeit von Menschen aus aller Welt interpretiert und befolgt. In westlichen Zivilisationen wurden sie kürzlich vom französischen Philosophen Bruno Latour mit seinem Konzept vom „Parlament der Dinge“ wiedererweckt. Der Vorschlag, jeder Entität einen gesetzlichen Vertreter in der menschlichen Entscheidungsfindung zuzuweisen, wurde von verschiedenen Medien, Künstlern, Aktivisten, Gemeinschaften und Politikern entweder übernommen oder parallel erdacht. Die 140 Jahre andauernde Verhandlung eines Maori-Stamms darüber, den Whanganui-Fluss als eine juristische Person anzuerkennen und mit den entsprechenden Rechten der Neuseeländischen Gesetzgebung auszustatten, kann als einer der jüngsten Erfolge erachtet werden, die Rechte eines „Dings“ in einer modernen Rechtsprechung zu berücksichtigen.



 

Menschen brauchen Dinge

Für wen sind die Rechte der Dinge aber wirklich gedacht? Während die Rechte der Lebenden auf ihrer Fähigkeit zu „fühlen“ basieren mögen, entstehen die Rechte der Dinge eher aus unserem eigenen Bedürfnis heraus. Das Leben braucht Dinge. Menschen brauchen Dinge. Und die Dinge müssen dort bleiben, wo sie sind, und zwar in jener spezifischen, empfindlichen Balance, die das Fortbestehen auf unserer Erde möglich macht. In unserem eigenen Interesse brauchen sie das Recht, nicht gestört oder durch uns Menschen verändert zu werden, das Recht, in Ruhe gelassen zu werden, wie es ursprünglich der Fall war, nachdem sie sich nach Milliarden von Jahren voller gewaltsamer Entstehungen, Zerstörungen, Untergang und Evolution langsam in relativer Stabilität eingefunden hatten. Die Menschen haben sich selbst als kleine Kreaturen in einem grenzenlosen Universum verstanden; ihren Einfluss auf ihre Umgebung betrachteten sie, wenn überhaupt, als zu vernachlässigen. Die „Natur“ haben sie dabei zeitweise als etwas Teilnahmsloses und Unbezwingbares begriffen, deren unendliche Ressourcen ewig zur Verfügung stehen würden. Es hat sich jedoch herausgestellt, dass es sich bei dieser Einschätzung um eine paradoxe Kombination aus Größenwahn und falscher Bescheidenheit handelt, die ihnen nun zum Verhängnis wird.



 

Zu viele Dinge zu berücksichtigen

Nun haben manche Menschen zu viele Dinge benutzt, zu viel genommen, zu viel erschaffen, zu viel konsumiert, zu viel weggeworfen und sich eventuell nicht ausreichend dafür interessiert. Als ein gewaltiges Kollektiv aus kleinen Kreaturen haben sie Umweltprozesse und Zusammensetzungen in einem solchen Ausmaß verändert, dass das Gleichgewicht, das ihre eigene Existenz stützt, ins Wanken gerät. Sie haben nicht begriffen, dass das, was sie kreiert haben, ewig währen würde – vielleicht als sich zersetzender Abfall in einem eiszeitlichen Tempo im Untergrund oder im Meer; oder als Kohlenstoff-Moleküle, massenweise in die Atmosphäre abgegeben, nachdem sie Millionen von Jahren sicher in der Erdkruste eingeschlossen waren. Die meisten Menschen haben nicht über die Konsequenzen dieser irreversiblen Umstrukturierung von Materialien nachgedacht.

 

 

Eine Welt voller rechtloser Dinge 

Nicht-lebendige Dinge sind unsere Vorfahren, unsere Nachbarn, unsere Krankenschwestern, unsere Dominas. Menschen schlossen sich mit ihnen zusammen, haben sich weiterentwickelt und zusammen Dinge erschaffen: Kleidung, Häuser, Fahrräder, Plattenspieler, aufblasbare Einhörner. Die Dinge, aus denen Träume – und Alpträume – gemacht sind. Menschen haben aus Bäumen Schiffe, Hochbetten und Schaukelstühle gebaut. Sie haben Öl in Kunststoff verwandelt, Pflanzen in Jeans, Kühe in Burger und Schuhe. Der Wärme willen haben sie alles verbrannt und Kohlenstoffwolken in den Himmel geblasen. Sie haben die Welt mit Dingen vollgestopft, die ursprünglich nicht Teil des Systems waren, sodass nun das System ins Wanken geraten ist. Diese Dinge sind nicht natürlich, sie sind weder lebendig noch tot. Diese Dinge haben bei uns Menschen keine Zukunft. Es sind zu viele; sie wandern wie eine ziellose Armee umher und dort, wo sie aufsässig werden, ersticken sie das Leben.



 

Unser Zeug könnte uns erlauben, zu überleben

Könnte es so etwas wie materielle Rechte geben? Nachdem wir die Rechte von Menschen, Tieren, Organismen und nicht-lebenden Entitäten berücksichtigt haben, sollten wir die Dinge nicht vergessen, die wir selbst in diese Welt bringen. Sobald wir etwas erschaffen, sind wir für dessen Existenz verantwortlich. Dieses Ding muss dann das Recht haben, seinen Zweck zu erfüllen und zu überleben, denn wenn es das nicht tut, wird es weiter die Balance der Dinge stören. Das Schiff, der Stuhl, das Fahrrad und die Hose müssen das Recht haben, beschützt, geliebt, repariert und denen übergeben zu werden, die sie benötigen. Wir dürfen sie nicht verkommen lassen. Wir müssen sorgfältig darüber nachdenken, bevor wir etwas erschaffen, denn für die Menschheit bedeutet es eine langfristige Bürde. So, wie auch die Geburt eines Menschen aufgezeichnet wird und seine Rechte (idealerweise) für den Rest seines Lebens überwacht und geschützt werden, sollte die Herstellung eines Dings ein Moment der Ehrfurcht und Verantwortung für alle Beteiligten sein. Die Menschen sollten Rechte auf alle Dinge ausweiten, denn die Dinge erweitern im Gegenzug ihre Rechte auf uns: ihre Nachhaltigkeit verlängert unsere eigene Nachhaltigkeit. Wenn wir diese mit Respekt behandeln, erlauben sie uns vielleicht auch, die Dinge zu überleben.

Marjanne van Helvert ist Textildesignerin, Autorin und Dozentin in Amsterdam. Ihren Bachelorabschluss erlangte sie im Textildesign an der Gerrit Rietveld Academie in Amsterdam, ihren Master in Kulturwissenschaften an der Radboud University in Nimwegen. Sowohl bei ihrer Tätigkeit als Designerin als auch in ihren theoretischen Arbeiten befasst sie sich mit sozialen, politischen und ökologischen Perspektiven auf das Design sowie der Rolle der Utopie und der Ideologie in der Designgeschichte. Sie ist Herausgeberin von „The Responsible Object, A History of Design Ideology for the Future“ [Das verantwortungsvolle Objekt. Eine Geschichte der Designideologie für die Zukunft] (2016) und Autorin des „Dirty Design Manifesto” (2013).

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