Nº 271
Focus:

Gefahr erkannt, Gefahr gebannt
A Word of Warning

Text: Jörg Stürzebecher

Gefahren initiieren eindrucksvolle Bilder: So stehen Tadeusz Trepkowskis Arbeitsschutzplakate am Anfang der Polnischen Schule der Plakatkunst, die Arbeitsbeschaffungsprogramme unter Roosevelt geben auch US-amerikanischen Künstlern und Gestaltern die Möglichkeit, die amerikanische Grafik mithilfe von Aufklärungskampagnen stilistisch eigenständig werden zu lassen und Josef Müller-Brockmanns große Plakate zur Verkehrssicherheit setzen mit kurzen Slogans und dynamischer Fotomontage Maßstäbe weit über die Schweizer Grafik der 1950er-Jahre hinaus. 

Für die genannten und weiteren Arbeiten gilt, dass Grafik eindeutig und wirkungsmächtig sein muss, also entschieden, und das bedeutet, wie für alle konsequente Gestaltung: „In Gefahr und größter Not / bringt der Mittelweg den Tod.“

 

Falsch dosiert kann jedes Lebensmittel zum Gift werden und alles zur Waffe, denn spätestens seit Peter Falk als Columbo ist bekannt, wie selbst ein Telefonklingeln zum Teil von Mordausführungen werden kann. Ebenso sind Gefahren allgegenwärtig – denn alles hat das Potenzial, zur Gefahr zu werden. Gerade für das Nützliche und das Schöne gilt dies – ein Gerät wie ein Heißlufttrockner kann nicht nur Haut und Haar verbrennen, sondern im Zusammenspiel mit Strom und Wasser das Nervensystem lahmlegen; ruhige Schnee- und Eisflächen können tödliche Tiefen verbergen – wie Gefahren überhaupt nur selten offen auftreten.

 

Schon Schiller wies darauf hin: „Gefährlich ist’s, den Leu zu wecken, Verderblich ist des Tigers Zahn“, und wenn man ihn sieht, ist es meist zu spät. Auch Täuschung und Verpackung verbinden sich – siehe Schneewittchens so lecker aussehender Apfel, oder als Spielzeug getarnte Sprengsätze. Immerhin sind Tiger und Apfel fassbar, ein Zaun kann Distanz schaffen, ein Vorkoster, wenn auch auf eigene Kosten, Schlimmeres verhüten. Doch schützt das? Auf einmal ist es kein lustiger Scherz mehr, wenn vermeintliches Wasser ins Gesicht gespritzt wird, sondern ein wohlvorbereitetes Attentat. Unmöglich, sich vor alledem zu schützen, auch wenn man sich noch so sehr bemüht und folglich die Kinder nicht nur im City-Panzer zur Schule bringt, sondern auch von dort abholt, die Biografien der Turn-, Ballett- und Klavierlehrer hackt, um Biografisch-Bedenkliches vor der möglichen nächsten Tat zu erkennen, oder auf ein schadstofffreies Pausenbrot achtet (das dann doch getauscht, weggeworfen oder durch Fast Food ersetzt wird).

 

Sich anschließend aber über Feinstaub aufzuregen, über die Hausdurchsuchung und Rechnermitnahme zu empören oder von der Bulimie überrascht zu werden, ist heuchlerisch. Denn so, wie Raketen Anti-Raketen anregen und diese zu Anti-Anti-Raketen führen, produziert jede Gefahrenabwehr neue Gefahren, das Rattengift rattengiftresistente Ratten und das bakterienvernichtende Putzmittel Krankenhauskeime. Genau bis zu dieser Schlussfolgerung gelangte der Regisseur und Ingenieur Howard Hughes mit seiner Angst vor Ansteckungen nicht oder zu spät, und Ähnliches gilt für alle allzu einfachen Schlussfolgerungen, wie Gefahren zu begegnen sei.

 

So ist es zwar richtig, dass Sperlinge Körner fressen, die dann für das Mehl oder die neue Aussaat fehlen, daraus aber den Schluss zu ziehen, die Sperlingsvernichtung würde eine Ernteertragssteigerung nach sich ziehen, ist grundfalsch. Denn die Sperlinge fressen zwar Körner, vor allem aber Insekten, die aus Menschensicht weit mehr Getreide schädigen, als dies Sperlinge je könnten. Also ist der Sperling zwar eine Gefahr für die Ernte, aber eine zu vernachlässigende, die Sperlingsvernichtung dagegen eine reale Ertragsbedrohung, mit, wie anhand der Sperlingsvernichtungskampagne in der Volksrepublik China unter Mao Tse-tung, katastrophalen Folgen für Ernte und Ernteverbraucher.

 

Zum Umgang mit der Gefahr gehört also die Einsicht, doch die ist ein kostbares Gut, von anderen gefordert, für sich selbst beiseitegeschoben: „Wer ein Auto kauft / kauft den Autounfall, weiß er das? / Mottek sagt, er denkt, der andre hat ihn“, schreibt der zigarrenrauchende Dichter Karl Mickel. Dachte Mickel demnach, der andere kriegt den Lungenkrebs?

Gefahren sind nun einmal nicht absolut, sie können sogar neue Möglichkeiten eröffnen. Die Gefahr des Zuspätkommens bietet die Chance, einem Unfall zu entgehen oder einen wertvollen Gegenstand zu finden; die Gefahr der Erkältung ermöglicht die Erprobung oder Verbesserung der Abwehrkräfte; die Gefahren des Sports, erst recht des Extremsports, bieten persönliche Befriedigung, Gewinn an Aufmerksamkeit oder Siegprämien. Denn nicht nur für Privatdetektive, auch für Raum- und Rennfahrer ist Gefahr (auch) ihr Geschäft. Darüber hinaus sind Gefahren, auch wenn von vielen geteilt, in vielen Bereichen subjektiv.

 

Was den einen die „Rote Gefahr“ der politischen Unterdrückung durch Parteifunktionäre, war den anderen Verheißung der Befreiung von kapitalistischer Fron; was den einen Vergnügen bereitete, für ablenkende Spannung sorgte oder Wünsche zumindest auf dem Papier Wirklichkeit werden ließ, war den anderen Gefahr für Leib und Seele, vernichtungswürdiger „Schmutz und Schund“, wie etwa längst nicht nur in den 1950er-Jahren die Comics, Abenteurerromane oder erotischen Bilder und Texte, vor denen es – es sei noch einmal auf die bislang so nicht bezeichneten Helikoptereltern verwiesen – insbesondere Kinder und Jugendliche zu bewahren gilt. Nur, dass gerade Kinder sich Gefahren stellen wollen, wie im Kinderbuch „Das kleine Blau und das kleine Gelb“, und Jugendliche und junge Erwachsene den Reiz der Gefahr gar am eigenen Körper zu erfahren trachten: Sport und Drogen sind hier eben nicht Alternativen, sondern Angebote der Lust am Risiko.

Mit Folgen, auch für das Design. Das beginnt mit dem illegalen, also verbotenen, weil gefährlichen Erhöhen der Mofa-Geschwindigkeit durch kreatives Schrauben und Verändern und gelangt, meist über die Zwischenstufe des Stylings, zur Aneignung funktionaler Produkte. So entdecken junge Menschen um 1965 an der HfG Ulm und anderswo etwa die pure Zweckform der SUVA-Brille aus der Schweiz, einer Lichtschutzbrille, die beim Aufprall so in ihre Teile zerspringt, dass Gesichtsverletzungen weitgehend ausgeschlossen sind. Und erkannt wird schnell die Verwandtschaft von Sicherheit und Gefahr, etwa bei dem Einsatz von Dr. Martens-Schuhen und Springerstiefeln um 1980 bei gewaltbereiten jugendlichen Subkulturen, wo das ursprünglich sichernde Produkt zum Gefahrenträger mutiert. Solches blieb anderen sicherheitsorientierten Gegenständen, wie etwa Volvo-Limousinen (Werbeslogan: „Sicherheit aus Schwedenstahl“) erspart, während der Hummer als Sicherheitsfahrzeug eben die Ära der Stadtgeländefahrzeuge, gerade was ihr Gefahrenpotenzial für die Nicht-Insassen angeht, vorbereitet. Denn wer sich selbst in Sicherheit wähnt, wird durch Unachtsamkeit nicht nur zur Gefahr für sich selbst, sondern zum Gefährder jenseits aktueller politischer Debatten.

 

So kann die Sicherheit also zu neuen Gefahren führen, denen gestaltend begegnet wird. Mit gleichen Wörtern für verschiedene Funktionen, denn während die Kindersicherung am Stecker Stromschläge verhindert, ist sie am Fernseher und Rechner zwar ebenfalls Schutz, zugleich aber auch Zensur und Kontrollmittel und folglich technokratisches Autoritätsmittel. Und so nützlich Warnhinweise auf Spielzeugen sind, so bedenklich und gefährlich ist es aus naturwissenschaftlicher und emanzipatorischer Sicht doch, wenn die Ab-Vierjährigen mit blau-rosa Pseudopferden, anatomisch unmöglichen Frauenpuppen oder festgeschriebenen Gesellschaftsstrukturen mit großen Männern und kleinen Frauen in Computerspielen umgehen.

Entsprechend vielfältig reagiert Design auf Gefahren. Da werden Produkte so gestaltet, dass beim Einsatz keine Verletzungsgefahr besteht, da sperren Programme vordefinierte gefährliche Inhalte, da greift die Software in riskantes Verhalten, etwa beim Individualverkehr, ein und suggeriert so fatale Sicherheit, die zur Unaufmerksamkeit und damit zu neuen Gefahren führt. Vor allem aber weist Design warnend auf Gefahren hin – oft knapp und reduziert, international codiert, Urängste aufgreifend. Das an Feuer und Blut gemahnende Rot oder ein Totenkopf warnen vor Brand, Verletzung oder Gift, und wer Gefahren ignoriert, wird wie bei den Fotografien etwa auf den aktuellen Zigarettenpackungen drastisch mit den Folgen seiner Gefahrenmissachtung konfrontiert.

 

Auch kommen bislang unbekannte Gefahren hinzu, wenn etwa die Haarpracht der Frauen um 1940 plötzlich zur Gefahr wird, wie Veronica Lake als Rüstungsindustrie-Model demonstriert, auch wenn es da um ganz andere Gegner als skalpierende Rothäute geht. Um solche Verletzungen zu vermeiden, trägt man auch im deutschsprachigen Raum besser kleidsames Kopftuch – der Schweizerischen Volkspartei (SVP) und der Alternative für Deutschland (AfD) sei das in Erinnerung gebracht.

Jörg Stürzebecher ist Autor und Dozent. Er publizierte unter anderem über die Gestalter Max Burchartz, Richard Paul Lohse und Anton Stankowski. Er lebt in Frankfurt am Main. In form 269 schrieb er zuletzt über die Kasseler Gestaltungsszene der Nachkriegsjahre.

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Nº 271. Gefahr
Mai/Jun 2017

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