Nº 271
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Collectif Blanc

Text: Marie-Kathrin Zettl

Photos: Jean-Michael Seminaro

„Wir sind eigentlich kein Studio. Wir sind zwei Kuratoren mit einer besonderen Vorliebe für Print“, sagen Marie Tourigny und Catherine Métayer über ihr gemeinsames Projekt Collectif Blanc

Wenn die beiden nicht gerade ihren jeweiligen Berufen nachgehen, arbeiten sie gemeinsam daran, eine, wie sie es nennen, kuratorische Plattform anzubieten und ständig neue und kreative Wege zu finden, um Printpublikationen durch Ausstellungen, Blogs und spezielle Kooperationen zu fördern. 

 

Marie und Catherine lernten sich durch einen gemeinsamen Freund kennen, der nicht nur von der Vorliebe der beiden für Print wusste, sondern auch von ihrem Wunsch, eine eigene Kunstausstellung zu Printpublikationen auf die Beine zu stellen. Dem Zusammenschluss der beiden als Collectif Blanc ging jedoch eine Phase der beruflichen Umorientierung voraus: Marie, die Erfahrungen in der künstlerischen Praxis gesammelt und einige Jahre im Kunstmanagement gearbeitet hat, beschloss einen Bachelor in Grafikdesign an der Université du Québec à Montréal zu machen. Als Grafikdesignerin und Artdirektorin ist sie gegenwärtig in der Kunst- und Designszene in Montreal aktiv. Catherine war hingegen als Autorin und Redakteurin tätig, als sie sich der Kunst und Printpublikationen zuwendete und ein Masterstudium in Publishing an der University of the Arts London begann, das sie erst vor Kurzem abgeschlossen hat. „An die Hochschule zurückzukehren, wenn man bereits professionelle Berufserfahrungen gesammelt hat, und genau zu wissen, was man anstrebt, war für uns beide ziemlich magisch“, erzählen sie, „hauptsächlich, weil es ein schönes Zeitfenster war, in dem wir uns voll und ganz dem Lernen und Aufsaugen von Inspiration aus Kunst, Design und Publishing verpflichteten.“ Aufbauend auf diesen neuen beruflichen Ausrichtungen, riefen die beiden dann das Projekt Collectif Blanc ins Leben, mit dem sie seither Erfahrungen im Umgang mit Verlagshäusern, in der Konzeption von Ausstellungen ohne Budget und in der Verwaltung von Social Media-Kanälen sammeln.

 

Wie sich Printpublikationen verändert haben und wie sie neben dem Web bestehen können, sind Fragen, die Marie und Catherine besonders interessieren. Entgegen der Annahme, dass Printmedien in der Krise stecken, nehmen die beiden einen Aufwind bei Printpublikationen wahr: „Da es eine Übermacht an neuen Printinitiativen gibt, finden wir, dass unsere Aufgabe darin besteht, eine thematische Auswahl zu kuratieren, die die Werke von lokalen und international aufstrebenden Designern, Künstlern, Verlegern und Studierenden hervorhebt.“

Gegenwärtig widmen sich die beiden vornehmlich publizierten Werken, die das gedruckte Buch als Experimentierfeld und als Plattform für Kreativität und Kooperation verstehen. Im Grunde ist genau dieses Verständnis die Basis für die von ihnen kuratierten Ausstellungen und für jeden ihrer Posts im Netz. Täglich sind sie auf der Suche nach neuen Arbeiten, die sie untereinander austauschen und auf ihrem Blog teilen können. Dieser Prozess ermöglicht es ihnen, einen Pool an Ideen anzulegen, der ihnen wiederum als Grundlage für zukünftige Recherchearbeiten zu potenziellen Ausstellungsthemen dient. Mithilfe eines entsprechenden thematischen Filters steht ihnen so eine große Auswahl an relevanten Arbeiten aus den Bereichen zeitgenössische Kunst, Grafikdesign und Editorial Publishing zur Verfügung. „Indem wir [die einzelnen Arbeiten] als ein Gesamtwerk präsentieren, richten wir die Aufmerksamkeit auf ihre individuelle Bedeutung in einem größeren kuratorischen Kontext“, erklärt Catherine das Konzept der beiden. Auf diese Weise haben sie bisher themengebundene Ausstellungen zu experimentellen Büchern, illustrierten Magazinen und Collagearbeiten oder einem Schwerpunkt auf die Renaissance der Zeitung konzipiert, die in ungewöhnlichen Räumlichkeiten stattfanden und für die sie passend zu den gezeigten Werken raumgreifende Installationen entwickelten. 

 

Collectif Blanc sei, so Marie und Catherine einhellig, ein sehr persönliches Projekt, bei dem ihre individuellen künstlerischen Sensibilitäten zusammenkämen. Sie verfolgen dabei trendige und weniger trendige Arbeiten mit Fokus auf die Qualität des Materials und die konzeptionelle Idee. Ihre Aufgabe sehen sie im Zusammenbringen der verschiedenen Disziplinen von Publishing, Kunst und Grafikdesign, was, so vermuten die beiden, auf ihre unterschiedlichen beruflichen Hintergründe zurückzuführen ist. Darüber hinaus haben sie erkannt, dass sie den inhaltlichen Schwerpunkt unabhängig von der Disziplin immer wieder auf die kreative Erforschung des gedruckten Buchs legen müssen, ebenso wie auf das ausgewogene Verhältnis von Inhalt und Form – ein Umstand, der ihrer Meinung nach ziemlich selten ist, sagt Marie: „Mit der Zeit haben wir mutigere und immer experimentellere Auswahlen getroffen und uns keine Gedanken mehr über die [kreativen] Disziplinen gemacht; solange es die Essenz dessen, was wir hervorbringen wollen, erfasst und Schaffende aller Disziplinen inspirieren kann.“ Zudem haben sie festgestellt, dass entgegen ihrem Wunsch, die online gezeigten Arbeiten in allen Details auszuarbeiten, ihr Facebook-Blog dafür nicht die richtige Plattform ist, sondern ausschließlich als visueller Verweis dienen kann. 

 

Zurzeit arbeiten die beiden an einer neuen Webseite, die eben nicht nur individuelle Arbeiten zeigen wird, sondern thematische Auswahlen zusammenstellt, die sowohl ihre kuratorischen Reflektionen beinhalten als auch mehr Details zu den einzelnen Werken sichtbar machen soll. „Genau das ist es, was wir bereits in unseren Ausstellungen tun, und nun möchten wir einen Weg finden, um das auch im Netz abzubilden“, so Catherine. Neben der neuen Webseite planen Catherine und Marie auch zwei Ausstellungen in Montreal: Die Neuinterpretation ihrer Ausstellung „Édition, forme, expérimentation“, die bereits in Toronto auf der Art Book Fair und in der Galerie Uqo in Gatineau, Kanada zu sehen war, ist mit einer Reihe von Gesprächen, Workshops und Partys verbunden. Bei der zweiten Ausstellung lassen sich die beiden dagegen von ihrer gemeinsamen Leidenschaft für experimentelle Musik leiten. Für eine der wichtigsten Musikfestivals in Montreal konzipieren sie eine Ausstellung zu grafischen Notationen und konkreter Poesie und verbinden sie mit Konzerten und Performances. Das 150-jährige Jubiläum der Kanadischen Konföderation ebenso wie das 375-jährige Gründungsjubiläum der Stadt Montreal in diesem Jahr, sehen Catherine und Marie recht gelassen. Zwar befürworten sie, dass dadurch mehr finanzielle Mittel für die lokale Design- und Kunstszene zur Verfügung stehen, Catherine betont jedoch: „Wir bevorzugen es, weiterhin den Werken von lokalen und internationalen Künstlern, Designern und Verlegern – großen und kleinen – eine Plattform zu geben, und die Kreativität so jeden Tag zu feiern.“

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Nº 271. Gefahr
Mai/Jun 2017

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